Es bleibt nichts, wie es war

Kathrin Fries

Wenn ich zurückdenke, wird mir nachträglich ganz warm ums Herz. Ach, was war das schön! Es gab viel Grund, sich zu freuen, ausgelassen zu sein und das Leben zu genießen. Gut gelaunt und relativ entspannt konnte man durch den Tag gehen, sich über zurückgewonnene Freiheiten und Geselligkeit freuen. Und dann kam dieser Tag …

Wenn Sie jetzt denken, ich meine den Aschermittwoch, der vorgestern nach einer – viele sagen endlich wieder normalen – Session vom traditionellen rheinischen Karneval in die genauso traditionelle Fastenzeit führt, liegen Sie nur halb richtig. Denn so stark die Zäsur des Aschermittwochs in den jecken Kreisen auch ausfällt, kommt doch keiner an diesem 24. Februar vor einem Jahr vorbei. Aus Säbelrasseln und Zähnefletschen wurde bitterer Ernst, nicht nur für die Betroffenen in der Ukraine. Was schon lange brodelte, wurde dennoch für viele überraschend zu einer Unfassbarkeit. Krieg in Europa! Was für mehr als eine Generation höchstens in zerfledderten Geschichtsbüchern Platz hatte, brach auch in unsere schöne, sich gerade von der Pandemie erholende, rheinische Welt ein. Und wenn wir ehrlich sind, hätten wir damals doch nicht gedacht, dass die Angriffe bis heute anhalten würden. Ein paar Wochen, maximal Monate, dann wäre die Lage geklärt und alles wieder gut, so die Hoffnung nicht nur der Ukrainerinnen und Ukrainer. Denn welche Auswirkungen der Konflikt auf ganz Europa, sogar weltweit hatte und immer noch hat, erleben wir an vielen Stellen.

Wie oft haben wir in der LZ über die Probleme mit den Düngemittellieferungen, über die Weltmarktsituation bei Getreide und Sonnenblumenöl, über die Gaslieferengpässe und die damit verbundenen explodierten Energiepreise, Inflation und einen drohenden Blackout berichtet? In den Medien gibt es den Spruch, dass schlechte Nachrichten besser seien als gar keine Nachrichten – ich kann Ihnen versichern, wir hätten genug andere Themen gehabt, um die Seiten auch ohne den Krieg und seine Folgen gut zu füllen. Und auch, wenn immer noch in vielen Meldungen auf die Auswirkungen des Ukrainekriegs verwiesen wird, sind doch schon wieder andere Dinge in den Vordergrund getreten, Erfreuliches wie Un-erfreuliches. Et bliev halt nix wie et wor. Aus dem ersten erschreckten Luftanhalten ist ein „Leben in der Lage“ geworden, wie es ein soldatischer Grundsatz so treffend formuliert. Ein Sichanpassen an sich verändernde Rahmenbedingungen, ein Reagieren auf das Unplanbare und Einplanen des Unerwarteten. So gut es geht, versteht sich. Denn wenn wir etwas in den vergangenen Jahren erlebt haben, dann wie wenig planbar das Leben doch ist. Bei uns im Rheinland könnte man auch sagen: Et is wie et is, et kütt wie et kütt, wat willze maache.

Im Vorfeld zu diesem ersten Kriegsbeginn-Jahrestag wurde viel spekuliert, ob Putin dafür etwas Besonderes plant. Wenn Sie dieses Heft in Händen halten, wissen wir, ob sich die Befürchtungen dahingehend bewahrheitet haben. Zwei Dinge sind aber sicher: Friede, Freude, Eierkuchen ist in dieser wie auch in anderen Regionen unserer Erde leider noch nicht absehbar. Und den Wert dessen erkennt man dann besonders, wenn man es nicht hat.

Doch statt schulterzuckend zu resignieren oder sich in einer melancholischen „Früher war alles besser“-Stimmung zu suhlen, gibt es für Rheinländer eine Strategie, um die einen mancher Außenstehende nicht nur insgeheim beneidet: Lebensfreude! Wenn man schon nicht weiß, was kommen wird, dann doch besser über das Heute freuen. Das gilt auch noch nach Aschermittwoch, denn diese Lebensfreude hängt nicht an Kostümen, man kann sie nicht nur jeck erleben oder braucht Alkohol dafür. Sie kann zu jeder Zeit zur Geltung kommen und strahlt umso heller, je dunkler die Lage scheint.