Früher war alles besser. Wenigstens der Besuch der Internationalen Grünen Woche. Reiste man nach einigen intensiven Tagen in der Hauptstadt wieder ab, hatte man wenigstens eine klare Vorstellung davon, wohin es gehen soll. Heute fragt man sich, was nimmt man nun mit aus Berlin?
Selbstverständlich stellt jeder, der in diesem Jahr nach Berlin zur Internationalen Grünen Woche (IGW) gereist ist, Vergleiche an. Nach zweijähriger Abstinenz, weil Corona dem realen Messegeschehen einen Riegel vorgeschoben hat, liegt es nahe, auszuloten, was sich rund um den Funkturm geändert hat und was geblieben ist, wie man es gekannt hat. Vergleichen kann aber nur, wer das „Davor“ kannte und das „Jetzt“ erlebt. Cem Özdemir kann das. Der war allerdings davor was anderes, als er jetzt ist. Er habe sich vergangenes Jahr, als die IGW nur digital stattgefunden hat, wie ein „Landwirtschaftsminister mit abgesägter Hose gefühlt“, bekannte er auf dem Neujahrsempfang des Deutschen Bauernverbandes (DBV). Viele Zuhörerinnen und Zuhörer hätten von ihm sicher lieber gehört, dass er die Hosen voll hat – oder besser gesagt die Taschen seiner Hosen. Denn die Kritik daran, dass die Bundespolitik den von ihr vorangetriebenen Umbau der Tierhaltung finanziell unzureichend begleitet, begegnete Özdemir auf der IGW auf Schritt und Tritt. Dabei bekräftigte er dort mehrfach: Wenn der Staat Forderungen an die Landwirte habe und es entstünden Lücken, müsse der dafür sorgen, sie zu schließen. Das klingt doch gut. Auch für seine Aussage, dass es in Deutschland noch Regionen gäbe, wo es noch „mehr Tierhaltung geben“ könne, bekam er Applaus.
Allerdings – und daran haben auch zwei Jahre Pandemiepause nichts geändert: Als Zuhörer muss man auf der Grünen Woche genau hinschauen und hinhören, ob sich wer da spricht auch an das Publikum wendet, das da sitzt. Özdemir hat da ein feines Gespür und glänzende rhetorische Fertigkeiten, um je nachdem Aussagen zu treffen, die schlüssig klingen und Laien so sehr vereinnahmen, dass die verwundert sind, warum das niemand vorher so angepackt hat. Außer den Fachleuten. Hat er die vor sich, weiß Özdemir genau, dass die sehr wohl um die Fallstricke und Löcher in seinen Lösungskonstrukten wissen. Denen begegnet er dann mit seinem Standardstatement, er sei vor allem da, um zuzuhören und zu lernen; am Ende käme es immer darauf an, „gute Kompromisse für alle zu erzielen“. Mein Vergleich zu früheren Grünen Wochen und den Auftritten von Özdemirs Vorgängerinnen und Vorgängern fällt in diesem Punkt also mager aus: So wenig klare Ansage habe ich von diesem Posten in mehr als 20 Jahren als IGW-Besucher selten mit nach Hause genommen.
Aber auch was andere als Botschaften ausgegeben haben, war nicht klarer, sondern teils eher weichgespült und manchmal sogar mit dem Anschein, bewusst Auseinandersetzungen aus dem Weg gehen zu wollen. Der sogenannte ErlebnisBauernhof, der seit mehr als zwei Jahrzehnten seinen festen Platz auf der IGW hat, gehört dazu. Sein Anspruch ist, dass sich dort „viele Dinge rund um die moderne Landwirtschaft entdecken“ lassen, so die Geschäftsführerin des Forum Moderne Landwirtschaft, das hinter diesem Messebeitrag steht. Tatsächlich gab es viel von dem Drumherum zu entdecken, zum Beispiel große Stände von Rewe oder der EU-Kommission. Von dem, was auf modernen Höfen in der Realität passiert, habe ich wenig entdeckt. Ehrlicher wäre es, von einer Erlebniswelt Agribusiness zu reden. Doch das klingt zu technisch und nüchtern und weckt kaum positive Emotionen. Aber die kamen in diesem Jahr dort schon allein deswegen zu kurz, weil es auch keine Tiere mehr zu bestaunen gab. Die waren einmal ein erprobtes Mittel, um über die Herzen der Kinder den Verstand der Eltern anzusprechen.
Dennoch fällt meine Bilanz der diesjährigen Grünen Woche positiv aus: Berlin war wieder die Reise wert. Denn zwei Erwartungen, mit denen ich – und sicher viele andere – angereist bin, haben sich erfüllt. Das eine ist die Begegnung mit Menschen, die man seit Langem kennt und schätzt, mit denen aber der Austausch im direkten Gespräch zu lange zu kurz gekommen ist. Das andere sind neue Bekanntschaften, die den eigenen Horizont erweitern und dazu beitragen, verfestigte Perspektiven aufzugeben, und so den Blick für neue Möglichkeiten öffnen. Auf die Habenseite meines Messebesuchs gehört für mich so das Gespräch mit einem Schweinehalter, der partout nicht in das Klagen über die aktuelle Politik einstimmen will, sondern Chancen für seinen bisher komplett konventionell geführten Bestand mit Sauenhaltung und Mast sieht. Darin liegt nun vielleicht nicht gerade eine Botschaft aus Berlin, aber eine Erkenntnis: Wenn viele ins gleiche Horn stoßen, hör hin, ob jemand andere Töne anschlägt.