Die Krise in der Schweinehaltung hält an. Währenddessen brüstet sich der Lebensmitteleinzelhandel, noch mehr fürs Tierwohl tun zu wollen. Und die Politik diskutiert unverdrossen über Haltungsstandards und die Zuständigkeit für Herkunftszeichen. Die Betriebe warten indes händeringend auf konkrete Hilfen.
Um eines muss man sich bestimmt keine Sorgen machen: dass irgendwer immer wieder eine neue Sau durchs Dorf treibt, damit die Bandagen für die Landwirtschaft wieder etwas enger geschnürt werden. Es wird sich immer wieder eine finden, selbst wenn die Ställe am Dorfrand oder in der weiten Feldflur längst verwaist sind. Sorgen muss man sich aber da-rum machen, dass Deutschland mit Siebenmeilenstiefeln gerade auf diesen Zustand leer geräumter Ställe zusteuert. Während Nichtregierungsorganisationen und Politiker in Regierungsverantwortung tönen, dass die Menschen aus Klimaschutzgründen weniger Fleisch essen sollen, leistet der Markt von ganz allein ganze Arbeit. Wobei: Ist es wirklich der Markt, der den Schweinehaltern zu schaffen macht, oder sind es am Ende menschengemachte Hemmnisse, die für eine Misere sorgen, wie sie Schweinehalter noch nicht erlebt haben?
Für mich ist die Frage eindeutig zu beantworten. Denn die wirtschaftlichen Schwierigkeiten im Schlepptau von Corona und der Afrikanischen Schweinepest (ASP) sind menschengemacht. Es waren Menschen, die keine Konzerte, Schützenfeste oder Fußballspiele besuchen konnten, um dort ihr Würstchen oder ihr Schnitzelbrötchen zu essen. Es waren Menschen, die Verordnungen erlassen haben, die solche Ereignisse unterbunden haben. Es waren Menschen, die ihre Landesgrenzen dichtgemacht haben aus Sorge vor Einschleppung von Viren. Genauso waren es Menschen, die mit zögerlichen und teils unkoordinierten Bekämpfungsmaßnahmen gegen die ASP dafür gesorgt haben, im Ausland Zweifel an einer wirkungsvollen Seuchenbekämpfung zu streuen. Und es sind Menschen, die gerade um ihre wirtschaftliche Existenz bangen. Auch wenn es im Rheinland nur noch einige Hundert Betriebe sind, die Sauen halten und/oder Schweine mästen, dahinter stehen Tausende: Altenteiler, die einmal einen gut aufgestellten Betrieb abgegeben haben; Eltern, die viel investiert haben, um ihr Auskommen bis zur Rente zu sichern; Kinder, die hofften, einmal mit eigenen Ideen den Betrieb weiterzuführen; Geschwister, denen das Herz schwer wird, weil sie die Arbeit von Generationen zuvor und ihrer Angehörigen heute den Bach runtergehen sehen; nicht zu vergessen die ungezählten Partner in Handwerk, Gewerbe und Industrie, an deren wirtschaftlicher Entwicklung das augenblickliche Desaster ebenso nagt.
Doch was tut der Lebensmitteleinzelhandel? Er präsentiert sich, ohne mit der Wimper zu zucken, als Retter des Tierwohls. Ob sie Aldi heißen, Edeka oder Lidl – man kann schon fast von einem Überbietungswettbewerb sprechen, welches Unternehmen wann als erstes den gesetzlichen Haltungsstandard aus den Kühltheken wirft und die Zulieferer Haltungsstufe für Haltungsstufe nach oben treibt. Bis sie ganz oben sind und ihnen beim Aufstieg die Puste ausgegangen ist. Das kann man ohne jeglichen Anflug von Zynismus behaupten. Denn die Realität ist, dass jeder schweinehaltende Betrieb Tag für Tag Substanz aufzehrt. Wer gehofft hat, sich wenigstens über die Corona-Überbrückungshilfe etwas Luft zu verschaffen und den laufenden Betrieb abzusichern, wird bislang hingehalten. Die Zuständigkeit dafür, ob ihre Situation auch der Corona-Pandemie geschuldet ist und sich daraus eine Anspruch ableiten lässt, schieben die zuständige Bezirksregierung und das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz hin und her. Diesen Eindruck bestärken jedenfalls die Reaktionen auf Nachfragen der LZ Rheinland an beide Stellen.
Warum es so schwierig sein soll, die Angelegenheit im Sinne der Schweinehalter unzweifelhaft zu klären, wird noch rätselhafter, wenn man ins europäische Ausland schaut. Dort werden gerade Millionenbeträge aufgerufen, um Not leidenden Betrieben unter die Arme zu greifen. Dabei ist das Ziel klar: Sie am Leben zu halten, ist Voraussetzung dafür, auch die Strukturen zu erhalten, die mit der Schweinehaltung verbunden sind. Sterben die Betriebe, stirbt mit ihnen die daran hängende Infrastruktur. Nur wer Böses argwöhnt, wird dahinter System vermuten. Aber die Untätigkeit der deutschen Politik den Schweinehaltern gegenüber spielt tatsächlich Entwicklungen in die Hände, die sich manche wünschen. Wo weniger Fleisch erzeugt wird, wird vielleicht auch weniger Fleisch verzehrt. Wo es weniger Betriebe gibt, deren Transformation zu noch mehr Tierwohl zu finanzieren ist, braucht es auch weniger Mittel dafür. Das könnte man durchaus denken. Wer behält bei diesen Gedankenspielen noch die Menschen im Blick, deren Existenz gerade auf dem Spiel steht?