Es muss sich etwas tun

Dr. Elisabeth Legge

„Viel los in Berlin“ – so steht es auf dem Titelbild der dieswöchigen LZ. Und in der Tat ist seit vergangener Woche viel los in Berlin. Die Grüne Woche steht auf dem Programm und es gab zahlreiche Demonstrationen zur Landwirtschaft – und das nicht nur in Berlin. Das Thema Landwirtschaft ist in aller Munde.

Auf der Grünen Woche, die noch bis Ende dieser Woche läuft, scheint alles wie immer – zumindest drinnen in den Messehallen. Hier geht es vorwiegend um das Thema „Genießen“. Deutschlands Regionen, aber auch viele andere Länder, präsentieren in der Bundeshauptstadt ihre Spezialitäten. Insgesamt 72 Länder sind auf der Grünen Woche vertreten. Und natürlich ist diese große Messe auch jedes Jahr aufs Neue der agrarpolitische Auftakt zu Jahresbeginn. Aber dennoch ist nicht alles wie immer. Neue Themen sind bei dieser Messe in den Vordergrund gerückt – Nachhaltigkeit und Klimaschutz zum Beispiel. So ist auch erstmals ein Stand der Klimaaktivisten von „Friday for Future“ auf der Messe in Berlin dabei.

Auch draußen hat sich gegenüber dem Vorjahr etwas verändert. So gab es am Freitag vergangener Woche erneut eine Demonstration mit Schleppern von Land schafft Verbindung (LsV) für die Belange der Landwirtschaft – und zwar nicht nur in Berlin, sondern bundesweit in vielen Regionen. Am Samstag vergangener Woche stand auch wieder die traditionelle Demonstration der Gegner der aktuellen Landwirtschaftspolitik unter dem Motto „Wir haben es satt!“ auf dem Programm.

Eines ist klar: Das Thema Landwirtschaft hat große Aufmerksamkeit erlangt. Dies gilt auch für die Medien. In den überregionalen Tageszeitungen und auch in den Hauptnachrichten des Fernsehens wird jetzt während der Grünen Woche von der Landwirtschaft und über die Landwirtschaft berichtet. Ja, der Tenor ist anders. Das ist erfreulich, denn die Landwirtschaft hat das auch schon anders erlebt. Jedenfalls wurde vergangene Woche in den Medien nicht nur auf die Landwirtschaft eingedroschen, es wurde sogar Verständnis für die Sorgen der Landwirte geäußert.

Alle reden derzeit über die Landwirtschaft, die Landwirte selbst, die Politik und auch die Verbraucher, also diejenigen, die die Produkte der Landwirtschaft konsumieren. Fakt ist: Die Landwirtschaft kommt an einem Wandel nicht vorbei. Klimaschutz, Umweltschutz und mehr Tierwohl – das sind die Megatrends, der sie sich stellen muss. Und die Landwirte sind dazu auch bereit. Die Politik muss dazu allerdings die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen, damit auch künftig vor allem die junge Generation noch von der Landwirtschaft leben kann. Aber letztendlich ist auch der Lebensmitteleinzelhandel und der Verbraucher in der Pflicht. Die Wünsche des Verbrauchers nach mehr Klima- und Umweltschutz und Tierwohl kosten die Landwirte mehr Geld und dafür muss er dann auch bereit sein, an der Ladentheke mehr Geld zu bezahlen. Lippenbekenntnisse allein reichen da nicht aus.

Am Wandel der Landwirtschaft sind viele beteiligt. Und man hat den Eindruck, dass die Beteiligten zum Dialog bereit sind. Jedenfalls wurde das auf den verschiedenen Veranstaltungen auf der Grünen Woche mehrmals bekundet. Und der LsV hat sogar seine Hand in Richtung der NGOs ausgestreckt. So haben sich beim Agrarforum der Heinrich-Böll-Stiftung in der vergangenen Woche zwei LsV-Vertreter der Diskussion mit NABU und Vertretern von „Wir haben es satt!“ gestellt. Der Tenor dabei: Uns verbindet mehr, als uns trennt. Mehr Gemeinsamkeiten he­rausarbeiten, das ist sicherlich ein guter Schritt, wenn man vorankommen will.

Besser sollte die Devise lauten: Reden ist wichtig, aber Handeln ist noch wichtiger. Die Gesellschaft will sehen, dass sich etwas tut in der Landwirtschaft, dass sie zu Änderungen bereit ist. Und dabei darf nicht mehr zu lange verhandelt werden. Denn die Zeit läuft, es müssen schnell Lösungen her, wie beim dlv-BäuerinnenForum am Samstag vergangener Woche in Berlin deutlich wurde (siehe S. 56). Viele müssen sich dabei an die eigene Nase packen. Es geht nicht darum, dem einen oder anderen den Ball zuzuspielen, sprich Brüssel, Berlin oder die Landwirtschaft sei am Zuge. Insbesondere die EU-Agrarpolitik ist gefordert. Im Laufe dieses Jahres muss das EU-Agrarbudget stehen und alle warten auch jetzt schon gespannt auf die Vorschläge von LsV und DBV für die mit dem Kanzleramt vorgesehene Zukunftskommission Landwirtschaft. Es muss sich jetzt etwas bewegen, und zwar schnell. Hofnachfolgerinnen oder Hofnachfolger, die ihre Zukunft planen, müssen wissen, wie und dass es weitergeht. Wer plant schon gerne einen neuen Stall, ohne sicher zu sein, dass sein Betrieb eine Zukunft hat? Da sind jetzt alle Beteiligten gefordert. Außerdem darf man nicht vergessen zu zeigen, was die Landwirtschaft bereits alles unternimmt und bereits an Änderungen durchlebt: also schon handelt, während andere noch reden.