Das Europaparlament hat sich dafür ausgesprochen, den Schutzstatus des Wolfs anzupassen. In einer am Donnerstag vergangener Woche verabschiedeten Entschließung zum Schutz der Viehwirtschaft und der Großraubtiere in Europa wird die EU-Kommission aufgefordert, die vorhandenen Monitoringdaten auszuwerten und in eine Neubewertung einfließen zu lassen. Gemäß der Entschließung rechtfertigte der Zustand der gesamteuropäischen Wolfspopulation bereits eine Lockerung der Vorgaben. Außerdem soll die Kommission nach dem Willen der Abgeordneten dafür sorgen, dass die Mitgliedstaaten beim Wolfsmanagement besser grenzübergreifend zusammenarbeiten. Ferner soll die Entschädigung von Wolfsrissen durch staatliche Beihilfen erleichtert werden. Schließlich sollen langfristige Finanzierungsmöglichkeiten für den Herdenschutz und Kompensationen erschlossen werden. „Koexistenz bedeutet, dass beide Seiten ein Recht auf Existenz haben“, erklärte die Agrarkoordinatorin der liberalen Fraktion Renew Europe (RE), Ulrike Müller. Bauern und Weidetiere litten massiv unter zunehmenden Angriffen. „Verantwortliche und Naturschützer müssen erkennen: Wenn der Wolf kommt, geht die Weide – und damit auch viele Pflanzen und Insekten“, so Müller. Ihr Fraktionskollege Jan-Christoph Oetjen bezeichnete den Entschließungsantrag als „großen Erfolg“. Eine Überprüfung des Schutzstatus des Wolfs sei längst überfällig und müsse den Richtungswechsel im Umgang mit dem Raubtier einleiten.
Die CSU-Agrarpolitikerin Marlene Mortler sprach von einem „ersten wichtigen Schritt“. Wenn die Wolfspopulation jedes Jahr um 30 % zunehme, müsse sich auch der Schutzstatus anpassen. Weidetierschutz könne nicht allein mit Geld geleistet werden. „Konkrete Lösungen für die vielfältigen Zielkonflikte müssen auf den Tisch, um den Schutz der Menschen und der bäuerlichen Landwirtschaft zu gewährleisten“, betonte Mortler. Ihr Parteikollege Markus Ferber stellte einen europäischen Ansatz in den Mittelpunkt: „Es grenzt an Absurdität, wenn der gleiche Wolf auf deutschem Bundesgebiet ‚streng geschützt‘ ist und auf der anderen Seite in Polen lediglich ‚geschützt‘“, so der CSU-Politiker.
Der Deutsche Bauernverband (DBV) begrüßte die Entschließung. „Das Parlament hat endlich die existenzielle Bedrohung der Weidetierhaltung anerkannt“, erklärte Verbandspräsident Joachim Rukwied. Ohne Begrenzung der Wolfspopulation habe die Weidehaltung von Schafen, Ziegen, Pferden und Rindern keine Zukunft. Auch aufwändige Herdenschutzmaßnahmen und Entschädigungsprogramme könnten das Grundproblem nicht lösen. Laut Rukwied wird eine Koexistenz zwischen Wolf und Weidetierhaltung nur mit einem aktiven Bestandsmanagement des Wolfs möglich sein. Die EU-Kommission sieht der DBV-Präsident nun gefordert, das Anliegen des Europaparlaments aufzugreifen und den Schutzstatus des Wolfs abzuschwächen.
AgE