Freude und Wehmut zugleich

Foto: imago images/Roman Möbius

Im Corona-Jahr ist nichts wie sonst. Das gilt auch für das Weihnachtsfest. Das Zusammentreffen in großen Familienkreisen muss ausbleiben. Wir haben zwei rheinische Landwirtsfamilien gefragt, wie sie in diesem Jahr Weihnachten feiern.

„Ja klar ist in diesem Jahr alles anders. Aber trotzdem freue ich mich riesig auf Weihnachten“, sagt Anna Müller. Und dabei schließt sie auch ihre beiden Schwestern Christin und Carolin ein. Die drei sind die Töchter von Reiner und Hildegard Müller, die in Titz einen Ackerbaubetrieb bewirtschaften. Und Anna ist zudem die Rheinische Kartoffelkönigin. Die 22-Jährige studiert derzeit im ersten Semester Wirtschaftsingenieurwesen Agrar in Osnabrück, ihre Zwillingsschwester Christin studiert in Hohenheim und ihre 24-jährige Schwester Carolin in Düsseldorf. Alle drei Schwestern wohnen in Wohngemeinschaften und achten seit Mitte Dezember verstärkt darauf, möglichst wenig Kontakt zu haben. „Wir durchlaufen alle eine kleine freiwillige Selbstisolation, damit wir auch beruhigt nach Hause fahren können und zusammen in der Familie Weihnachten feiern können“, meint Anna.

Weg vom „Maskenwahn“

Sie und ihre Schwestern sind froh, dem  „Maskenwahn“ der Stadt entfliehen zu können. „Wir freuen uns einfach, raus auf unseren Hof draußen auf dem Land zu kommen, und auch auf unsere großen Zimmer, die wir ja in unseren Studentenwohnungen nicht haben.“ Sie und ihre beiden Schwestern reisen mit dem Zug nach Hause. „Natürlich werden wir dabei darauf achten, dass wir genügend Abstand zu den anderen Mitreisenden haben.“ In Titz werden sie dann mit ihren Eltern die Vorbereitungen für das Weihnachtsfest treffen und auch gemeinsam den Tannenbaum schmücken. Und das Essen für den Heiligen Abend steht auch längst fest. „In jedem Jahr gibt es bei uns als Vorspeise Fischteller, als Hauptgang Hühnerfrikassee und Pastetchen mit Feldsalat und zum Abschluss Eis“, erzählt Anna. Für das Hauptgericht zuständig ist Edith Müller, die Mutter von Reiner Müller, die nur wenige Kilometer weit vom Betrieb wohnt. Die 76-Jährige bereitet das Frikassee vor und bringt es mit. Da ändert sich auch in diesem Jahr nichts. „Oma feiert in jedem Fall mit uns mit“, so die Rheinische Kartoffelkönigin.

Am ersten Weihnachtstag steht zumindest in normalen Jahren das große Treffen von Hildegard Müller und ihrer Familie auf dem Programm. „Ich habe vier Geschwister und alle sind mit Anhang. Wir sind dann am ersten Weihnachtstag auch oft 22 Personen“, erzählt Hildegard Müller. In diesem Jahr wird man allerdings auf dieses Treffen verzichten. „Mein Vater ist 82 Jahre alt und das können wir einfach nicht verantworten, dass wir uns dann alle treffen“, meint sie.

Aber ganz ohne Treffen geht es natürlich nicht. Für den ersten Weihnachtstag ist ein großes Zoommeeting für alle zusammen geplant. „Wir haben viele lange nicht gesehen und es ist doch toll, dass wir uns zumindest so austauschen können“, meint hierzu Anna Müller. Ein bisschen traurig sind sie und ihre Familie allerdings darüber, dass der zweite Weihnachtstag nicht so ablaufen wird wie sonst. Am 2. Weihnachtstag geht es für die Müllers in der Regel ab nach Österreich in die Berge zum Skifahren. „Das fällt in diesem Jahr ins Wasser“, meint Anna. Aber ihr Vater habe sich schon eine nette Alternative einfallen lassen. „Es gibt eine Wanderung. In unseren Rucksäcken werden dann Glühwein und Käsewürfel sein. Das wird bestimmt auch ganz lustig“, sind die Müllers überzeugt.

Auch für Familie Heiting aus Emmerich am Niederrhein steht in diesem Jahr fest: Sie werden wegen Corona nur im engsten Familienkreis Weihnachten feiern. Die Heitings – das sind Ute Heiting und ihr Mann Robert sowie die beiden 18-jährigen Zwillinge Anna und Johannes und die 16-jährige Felicitas. „Eigentlich wären wir in diesem Jahr an Weihnachten nur zu viert gewesen, denn Anna wollte ursprünglich nach dem Abitur für ein Jahr nach Argentinien. Aber aufgrund von Corona hat das nicht geklappt“, erzählt Ute Heiting, die zusammen mit ihrem Mann einen Milchviehbetrieb bewirtschaftet. Am Heiligen Abend ist auch Marlies Heiting, die Mutter von Robert Heiting, bei der Familienfeier dabei. „Eigentlich wollte sie nicht zu uns kommen. Aber unsere Kinder haben sie nun doch überredet, mit uns  den Heiligabend zu verbringen“, berichtet ihre Schwiegertochter.

Allerdings wird es das große Familientreffen bei Marlies Heiting mit 15 Personen am ersten Weihnachtstag in diesem Jahr nicht geben. „Inzwischen haben wir uns aber mit denen, die Lust haben, an diesem Tag zum Skypen verabredet“, verrät Ute Heiting. Und wie wird sie es mit ihrer Familie machen? Ute Heiting stammt gebürtig aus Kierspe im Sauerland und ihre Familie trifft sich  traditionell am zweiten Weihnachtstag bei den  Heitings in Emmerich. „Auch das muss dieses Jahr ausfallen“, bedauert die 43-Jährige. Was das Weihnachtsfest in diesem Jahr angeht, schwankt Ute Heiting zwischen „Freude und Wehmut“. „Ich bin ein bisschen wehmütig, weil man sich nicht treffen kann. Auch das Skypen ersetzt nicht den persönlichen Kontakt.“ Für Felicitas Heiting dürfte der zweite Weihnachtstag auch anders sein als sonst. Sie feiert an diesem Tag ihren Geburtstag und den wird sie diesmal coronabedingt nur mit Eltern und Geschwistern verbringen.

Weniger Zeitdruck

Ute Heiting und ihr Mann können den Kontaktbeschränkungen an Weihnachten aber auch etwas Positives abringen: „Ehrlich gesagt dürfte es für uns diesmal weniger stressig werden, denn wir müssen ja auch die Stallarbeit erledigen. Der Zeitdruck, den wir sonst an Weihnachten hatten, um die Stallarbeit und unsere Familientreffen unter einen Hut zu bekommen, fällt jetzt weg.“ Trotz aller Einschränkungen durch Corona möchten die Heitings das diesjährige Weihnachten genießen und das Beste aus der Situation machen. „Für uns ist es vor allen Dingen das letzte Weihnachten zu fünft“, meint dazu Ute Heiting. Denn im kommenden Jahr wird Anna für vier Jahre in die USA gehen, um dort zu studieren. „Von daher werden wir das Zusammensein noch einmal in vollen Zügen auskosten.“ el