Was Politik und Gesellschaft von den Landfrauen lernen können, ist so einiges. Das zeigte einmal mehr der Deutsche LandFrauentag, der vergangene Woche in Kiel stattfand und bei dem das 75-jährige Bestehen des Deutschen LandFrauenverbandes (dlv) gefeiert wurde.
Wofür den weiten Weg nach Kiel auf sich nehmen? Diese Frage mag sich mancher gestellt haben, aber rund 5 000 Landfrauen und etliche Ehrengäste waren sich – zumeist schon vor der Nachricht, welch hoher Besuch erwartet wurde – sicher, dass der Deutsche LandFrauentag ein lohnendes Ziel der Reise ist. Dass Cem Özdemir dann doch ein bisschen Platz in seinem engen Zeitplan gefunden hat, um zum Geburtstagslandfrauentag zu erscheinen, könnte man auf den Ehrengast schieben. Denn bevor bekannt wurde, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Landfrauen zum 75. Jubiläum die Ehre erweisen würde, stand Staatssekretärin Silvia Bender als Rednerin vonseiten des Landwirtschaftsministeriums im Programm.
Und sicher ist auch die Liste der akkreditierten Medienvertreter rapide angewachsen, nachdem der Ehrengast bekannt gegeben wurde. Denn wenn sich der Besuch von etwas für den Bundespräsidenten lohnt, dann ja wohl auch für Journalisten. Inwieweit es durch diese Aufmerksamkeitsschwemme die Themen der Landfrauen tatsächlich in die Breite der Berichterstattung schaffen und wie nachhaltig diese Aufmerksamkeit ist, bleibt abzuwarten. Denn die Themen, die den Landfrauen unter den Nägeln brennen, sind zumeist nicht mit einmaligen Ereignissen zu ändern, sondern brauchen den extralangen Atem. Zum Teil seit Gründung des dlv vor 75 Jahren kämpfen sie für Gleichberechtigung, für die Inte-ressen von Frauen in ländlichen Gebieten und gegen Ungerechtigkeiten, Populismus und die Verrohung der Streit-kultur. Die großen Baustellen sind hinlänglich bekannt, mit Statistiken und Umfragen deutlich belegt. Und doch werden in den letzten Jahren teilweise eher Rück- als Fortschritte wahrgenommen.
Statt hin zu mehr Gleichberechtigung fordern aktuell europaweit erstarkende Parteien ein Zurück zum – für manche Männer mit entsprechenden Ideologien erstrebenswerten – Rollenbild des letzten Jahrtausends. Und auch weibliche Vorbilder gibt es überraschend einflussreiche. Sogenannte Tradwives sind „traditionelle Hausfrauen“, die auf TikTok und Instagram ihr Leben als Vollzeithausfrau und Mutter idealisiert darstellen, dabei als Influencerinnen mit Werbeeinnahmen gutes Geld verdienen (was meist nicht kommuniziert wird) und nebenbei andere bewusst beeinflussen in ihrer Sicht auf die Geschlechterrollen. Ihnen wird vorgeworfen, rechte Ideologien und antifeministisches Gedankengut zu verbreiten.
Zwei Dinge, die Landfrauen – bei aller Liebe zu Traditionen – auf die Palme bringen. Kein Applaus (außer für den Bundespräsidenten, der mit stehenden Ovationen bedacht wurde) war in Kiel größer als der zum Bekenntnis „Landfrauen sind bunt!“, mit dem sich die Versammelten auf der Bühne und im Saal zu einer vielfältigen Demokratie positionierten, und zum Zitat der dritten dlv-Präsidentin Irmgard Reichhardt: „Wir können uns nicht darauf verlassen, dass Männer unsere Interessen vertreten!“
Nicht zuletzt dank der starken Stimmen der vier an der Verfassung des Grundgesetzes beteiligten Frauen, die sich über Parteigrenzen hinweg zusammengetan haben, verdanken wir Absatz 2 in § 3 der Verfassung: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ Man könnte meinen, die „Mütter des Grundgesetzes“ seien Landfrauen gewesen. Und die Landfrauen aller Generationen lassen nicht locker, bis der Staat dieser Aufgabe – in manchen Bereichen möchte man rufen „Endlich!“ – nachkommt. Dabei ist der von Bundesfamilienministerin Lisa Paus angekündigte Referentenentwurf zum Gewalthilfegesetz nur einer von vielen.
Es heißt für die Landfrauen also weiterhin, laut und streitbar zu bleiben, sich bei den Zielen nicht beirren zu lassen, aber für den Weg dahin den Kurs immer wieder zu überprüfen und vorausschauend nachzusteuern. Von Kiel nehmen sie frischen Wind mit, der neuen Schub gibt, die Baustellen lokal, regional und bundesweit anzugehen, um das Landfrauenschiff gemeinsam auf dem Kurs in eine noch bessere Zukunft zu steuern. Um es mit den Worten einer der in Kiel ausgezeichneten Landfrauen zu formulieren: „Machen macht mehr Spaß als drüber reden!“ Nur eine der Lektionen, die man sich von Landfrauen abschauen kann.