Während die deutsche Wirtschaft aktuell schwächelt, sichern Landwirtinnen und Landwirte mit ihrer Arbeit seit Jahrzehnten unseren Wohlstand. Dabei sollte auf keinen Fall vergessen werden, ihnen auch ein Stück vom Kuchen abzugeben.
So mancher blickt besorgt auf die wirtschaftliche Lage unseres Landes. Auch wenn die Inflationsraten nach dem hohen Niveau in den Jahren 2022 und 2023 wieder rückläufig sind, schwächelt die deutsche Wirtschaft weiterhin. Womöglich ist unser Wohlstand gefährdet. Wie es ist, sich in einer wirtschaftlich schwierigen Lage zu befinden, kennen viele Landwirtinnen und Landwirte nur zu gut, und das nicht erst seit den letzten Jahren. Sie wissen leider auch, wie es ist, wenn man für die gleiche Arbeit weniger Geld bekommt, weil man nicht selbst über die Preise der eigenen Produkte bestimmt.
„Niemand sollte gezwungen sein, gute Nahrungsmittel unterhalb der Produktionskosten zu verkaufen“, lautet ein Zitat der kürzlich wiedergewählten EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im Zusammenhang mit geplanten Gesetzesvorschlägen zur weiteren Bekämpfung unlauterer Handelspraktiken (S. 7). Hoffentlich lässt sie während ihrer zweiten Amtszeit diesen Worten auch Taten folgen. Denn es sollte nie vergessen werden, dass die Landwirte diejenigen sind, die einen erheblichen Beitrag zu unserem heutigen Wohlstand geleistet haben und immer noch leisten.
Innerhalb der letzten Jahrzehnte hat die Landwirtschaft einen massiven Wandel durchlaufen. Diese Jahrzehnte sind von enormen Effizienzsteigerungen geprägt. Während ein Landwirt im Jahr 2021 durchschnittlich 139 Menschen ernährt hat, waren es nach Zahlen des Bundesinformationszentrums Landwirtschaft im Jahr 1990 mit 69 Menschen nur rund die Hälfte. Um 1960 hat ein Landwirt sogar lediglich 17 Menschen versorgt. Die Gründe für diese Entwicklung sind bekannt: eine zunehmende Mechanisierung und züchterische Fortschritte bei Nutztieren und Kulturpflanzen.
Aber diese Errungenschaften und Innovationen sind nicht vom Himmel gefallen, sondern entstammen der Agrarbranche. Agrarier bringen sich selbst voran, das ist bis heute so, denn Weiterentwicklung ist nie abgeschlossen. Aktuell sind es unter anderem Innovationen wie Digitalisierung oder künstliche Intelligenz, die zum Fortschritt beitragen. Dass die Agrarbranche sehr innovativ ist, zeigt auch die vor knapp zwei Jahren neu geschaffene Stelle der Innovationsmanagerin bei der Landwirtschaftskammer NRW. Mehr dazu erfahren Sie im Interview ab S. 14.
Die älteren Generationen können sich mit Sicherheit noch gut daran erinnern, dass harte körperliche Arbeit auf dem Acker und im Stall früher auf der Tagesordnung stand. Auch durch die Weiterentwicklungen der Landtechnik wurde es möglich, dass ein Landwirt heute so viele Menschen ernähren kann wie noch nie. Dementsprechend wurden immer weniger Arbeitskräfte benötigt, die dann in anderen Branchen zu einem Wirtschaftswachstum beitragen konnten.
Auch die Rolle der Züchtungsfortschritte ist eine entscheidende. Beispielsweise hat sich der Weizenertrag in den letzten 120 Jahren nahezu vervierfacht und auch Milch- und Mastleistungen wurden deutlich gesteigert. Denn es mussten günstige Lebensmittel in ausreichenden Mengen produziert werden, um die wachsende Bevölkerung zu ernähren und damit den Motor einer wachsenden deutschen Volkswirtschaft am Laufen zu halten. Die Bauern ackern auch heute für den Wohlstand aller, wobei ihnen eben dieser Wohlstand häufig selbst nicht zuteilwird. Das darf nicht sein.
Eine kürzlich durchgeführte Umfrage des englischen Bauernverbandes hat ergeben, dass der Beruf des Landwirts in England und Wales ein hohes Ansehen genießt. Ähnliche Befragungsergebnisse gibt es auch für Deutschland. Doch von Lippenbekenntnissen allein können die Betriebe nicht leben. Zumal es bei der ersten besten Gelegenheit dann doch wieder Kritik von allen Seiten hagelt. Unsere Landwirtinnen und Landwirte müssen ein Stück vom Kuchen abbekommen, wenn sie schon dafür Sorge tragen, alle notwendigen Zutaten günstig und in höchster Qualität zu produzieren. Schließlich erbringen sie davon abgesehen noch viele andere Leistungen für unsere Gesellschaft. Angefangen beim Erhalt der Biodiversität durch die Pflege der Kulturlandschaft bis hin zur Bindung von klimaschädlichem Kohlenstoff in humusreichen Böden. Das gehört entlohnt.
Die Bauern ackern auch heute für den Wohlstand aller, wobei ihnen eben dieser Wohlstand häufig selbst nicht zuteilwird. Das darf nicht sein.