Genug des Guten

LZ-Chefredakteur Detlef Steinert

Groß und größer – das macht nach wie vor den Reiz der Agritechnica aus. Doch immer mehr spielt sich die moderne Landtechnik in Dimensionen ab, die mit dem bloßen Auge nicht mehr zu sehen und mit Händen nicht mehr zu greifen sind. Was bedeutet das für Besucher, die auf dem Messegelände in Hannover vor allem nach alltagstauglicher Technik Ausschau halten?

 

Wer unter Platzangst leidet, macht vom 9. bis zum 15. November besser einen Bogen um das Messegelände in Hannover. 470 000 Besucher erwartet der Veranstalter, die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG), in diesem Jahr zu der nach eigener Einschätzung weltweit größten Landtechnikausstellung. Rein rechnerisch stehen dann jedem Besucher auf dem 39 ha großen Gelände knapp 6 m2 Platz zur Verfügung. Aber nur, wenn man annimmt, dass an jedem der sieben Ausstellungstage gleich viele Besucherinnen und Besucher kommen. An einigen Tagen werden sie schon sehr da­rauf achten müssen, sich in den Hallen nicht gegenseitig auf die Füße zu treten.

 

Ob da noch genug Aufmerksamkeit übrig bleibt, um jeden Aussteller und jede Innovation abzugrasen, die einem wichtig erscheint? Und im Blick zu behalten, was man für den eigenen Betrieb braucht und will? Tatsache ist, dass das Informationsangebot auf solchen Messen von Mal zu Mal unüberschaubarer für den Einzelnen wird. Wir Presseleute merken das auch. Allein 70 Presseveranstaltungen listet der Terminkalender der DLG auf. Da bleibt kaum Luft, um sich durch die Messehallen treiben zu lassen oder gezielt auf Neuheitenpirsch zu gehen.

 

Dabei macht die Agritechnica in diesem Jahr wie keine andere zuvor deutlich, wie technische Lösungen für die Landwirtschaft immer mehr von der Digitalisierung und von Bits und Bytes bestimmt werden. Mit künstlicher Intelligenz sollen die He­raus­for­de­rungen der Zeit sich besser, effizienter und nachhaltiger bewältigen lassen. Blitzender Stahl und buntes Blech haben aber längst nicht ausgedient. Denn Landtechnik, zumal auf einer solchen Messe, lebt auch von der Emotionalität und von der Faszination. Aber nicht nur.

 

Zuvorderst muss sie den Zweck erfüllen und den Betrieben helfen, ihre Arbeit leichter, präziser und kostengünstiger zu erledigen. Die Hersteller dürften sich in Hannover gegenseitig mit Versprechen übertrumpfen, dass sie genau das bieten. Mancher wird damit überzeugen wollen, dass ein bisschen mehr Digitalisierung und künstliche Intelligenz noch besser helfen werden. Diese Werkzeuge braucht es, keine Frage. Aber sie werden vielfältiger und die Anwendungsmöglichkeiten wirken heute schon unbegrenzt. Kein Wunder, wenn sich Praktiker fragen: Wie viel davon braucht es wirklich und wie viele Funktionen zum Beispiel auf dem Traktor, dem Häcksler, dem Mähdrescher oder an der Pflanzenschutzspritze, dem Roder, dem Düngerstreuer bleiben daneben ungenutzt? Die Kern- und somit die Preisfrage ist daher: Wie viel ist des Guten genug oder genau richtig für Ihren Betrieb?

 

Ich bin überzeugt, dass die meisten Besucher wieder nach Hause fahren, ohne eine zweifelsfreie Antwort da­rauf bekommen zu haben. Allerdings dürften sie auch eine Menge Anregungen und Impulse im Gepäck mitnehmen. Denn Messen wie die Agritechnica sind zwar in der Regel nicht der Ort, wo normale Betriebe ihre Unterschrift unter Kaufverträge setzen. Aber sie bieten wie kaum etwas anderes die Möglichkeit, direkt zu vergleichen, was Wettbewerbsmodelle voneinander unterscheidet. Da gilt dann doch eher das Motto: Geguckt und verglichen wird in Hannover, weiter geguckt, ausprobiert und dann vielleicht gekauft wird zu Hause. Beim Händler, auf Feldtagen und dem eigenen Hof lässt sich in Ruhe beurteilen, was wie und ob es funktioniert, wie man es braucht. Mit Zehntausenden außen rum ist daran kaum zu denken. Das ist gerade mit Blick auf digitale Anwendungen schier unmöglich. Da können sich die Aussteller noch so sehr mühen zu erklären, wie Techniken wie zum Beispiel Spurführung, Verlustsensoren oder kameragesteuerte Hackaggregate arbeiten. Virtual-Reality-Brillen und/oder KI-generierte Videos auf großflächigen Monitoren ersetzen eben nicht den Test in der echten Realität. Deshalb: Es lohnt sich, nach Hannover zu fahren, aber es zahlt sich aus, zu Hause, in der Praxis die Versprechungen der Anbieter selbst zu prüfen.