Gucken, wo’s langgeht

Dr. Elisabeth Legge

Alle zwei Jahre steht sie an – die EuroTier. Vier Tage lang wird die niedersächsische Landeshauptstadt Hannover bald wieder zum Mekka für Tierhalter aus der ganzen Welt. Die Stimmung bei den deutschen Tierhaltern ist allerdings gedämpft. Insbesondere die Schweinehalter haben mit einer Menge Baustellen zu kämpfen.

Eigentlich sind die Vorzeichen für die Messe gut: Immerhin rund 2 600 Aussteller aus über 60 Ländern werden vom

13. bis 16. November zur EuroTier 2018, der Internationalen DLG-Fachausstellung für Tierproduktion und Management, erwartet. Die World Poultry Show wird erst wieder 2020 auf der EuroTier vertreten sein, aber alle führenden Hersteller und Anbieter aus dem Schweine- und Rinderbereich sind in Hannover dabei. Und wie immer hoffen die Aussteller und der Veranstalter der Messe, die DLG, auf investitionsfreudige Besucher. Die Investitionsbereitschaft vieler Tierhalter, insbesondere der Schweinehalter, hält sich aber in Grenzen.

Und dies kommt nicht von ungefähr. Eine Reihe Baustellen tun sich für die Tierhalter auf:

Baustelle Erzeugerpreise und Kosten: Die Erzeugerpreise für die Schweinehalter sind derzeit alles andere als berauschend: Die Ferkelpreise sind auf dem tiefsten Niveau seit der Jahrtausendwende angelangt und die Mastschweineerlöse lassen ebenfalls zu wünschen übrig. Außerdem sind die Schweinehalter mit hohen Futterkosten infolge der Dürre und steigenden Energiekosten konfrontiert. Für die Milchviehhalter haben zwar die Milchauszahlungspreise wieder ein gutes Niveau erreicht, aber der erhoffte weitere Milchpreisanstieg ist – zumindest derzeit – nicht in Sicht. Und auch die Milch-erzeuger haben mit hohen Kosten zu kämpfen. Von der Trockenheit betroffene Rinderhalter müssen Futterengpässe durch teuren Futterzukauf ausgleichen.

Baustelle Verordnungen und Gesetze: Die Politik macht den Tierhaltern schwer zu schaffen. Auf sie prasseln viele von Verordnungen und Regelungen ein. Der größte Knackpunkt für die Sauenhalter ist dabei die Umsetzung von Vorgaben zur Kastration unter Betäubung. Und damit nicht genug: Auch das Thema Kastenstand im Deckzentrum, der Schutzkorb in der Abferkelbucht und auch das Schwänzekupieren bei Ferkeln sollen durch Gesetze, Verordnungen und Erlasse neu geregelt werden. Nach wie vor haben Schweinehalter und Milcherzeuger mit der Düngeverordnung zu kämpfen, die zusätzliche Kosten für die Betriebe verursacht.

Baustelle ASP: Eine weitere Baustelle tut sich speziell für die Schweinehalter auf. Das Auffinden von ASP-verendeten Wildschweinen in Belgien schwebt wie ein Damoklesschwert über dem Sektor. Die ASP rückt damit immer näher.

Baustelle LEH: Der LEH kommt mit immer neuen Forderungen auf die Vermarkter und damit auf die Landwirte zu. Dazu gehört auch die Forderung nach GVO-freier Milch. Das Molkereiunternehmen Arla jedenfalls will bis Ende kommenden Jahres, dass seine Milchlieferanten komplett auf GVO-freie Fütterung umstellen (siehe Artikel auf S. 12). Ob eine solche Maßnahme Sinn macht, sei einmal dahingestellt. In jedem Fall müssen sich höhere Anforderungen an die Landwirte auch entsprechend im Preis für deren Produkte niederschlagen. Da sind Vermarkter und LEH gefordert.

Zugegeben: Die Tierhalter haben keinen großen Grund zum Jubeln. Und viele überlegen daher, ob sie überhaupt zur EuroTier fahren sollen. Aber fernbleiben ist nicht die Lösung. Auch wenn die Messe nur mit wenigen wirklichen Neuheiten aufwartet, so bringt sie doch eine Menge Interessantes für die Tierhalter mit sich, insbesondere im Bereich der Digitalisierung. Ganz bewusst hat die DLG die diesjährige Messe unter das Leitthema „Digital animal farming“ gestellt. Handy-Apps und Sensoren werden auf der EuroTier eine große Rolle spielen. Ob in der Produktionsüberwachung, bei der Tiergesundheit und beim Tierwohl oder bei der betrieblichen Nährstoffbilanz und auch der Transparenz zum Kunden: Durch den Einsatz von Sensoren und zielgerichtetem Datenmanagement können die Bedürfnisse der Tiere, der Umwelt und  des Landwirts sowie der Verbraucher gleichermaßen berücksichtigt werden.

Am Trend der Digitalisierung geht kein Weg vorbei. Er ist in der Tierhaltung angekommen und dem sollte man sich nicht verschließen. Im Gegenteil: Die Digitalisierung eröffnet große Chancen für die Tierhaltung. Wie es in Sachen Digitalisierung aussieht und welche Detailverbesserungen es für Stallsysteme und Herdenmanagement gibt, da­rauf hat die EuroTier ­sicherlich Antworten. Wer dabeibleiben will und Entscheidungen für seinen Betrieb treffen möchte, sollte sich ein Bild verschaffen und gucken, woʼs langgeht. Und selbst wer nicht investieren will, profitiert von den Diskussionen mit Berufskollegen und Anbietern. Denn die Digitalisierung bietet Chancen, birgt aber auch Risiken.