Umwelt- und Landwirtschaftsministerin Ursula Heinen-Esser hat sich erneut mit Landräten, Oberbürgermeistern und Bürgermeistern aus dem Wolfsgebiet Schermbeck über die aktuelle Situation in dem Gebiet ausgetauscht. Neben einem Lagebericht des Ministeriums und des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV), dem Stimmungsbild aus der Region standen die Nutztierrisse der zurückliegenden Jahre, der Herdenschutz, die Unterstützung der Region sowie die Frage der Auffälligkeit der Wölfe im Wolfsgebiet Schermbeck im Mittelpunkt des Gespräches. In der Presserklärung zu dem Termin wird Ministerin Ursula Heinen-Esser mit der Aussage zitiert, man werde grundsätzlich lernen müssen, „mit dem Wolf zu leben, denn Wölfe werden sich auch in NRW dauerhaft etablieren“. Auch in NRW werde wie auch bereits in anderen Bundesländern nur ein ausreichender Herdenschutz die Weidetierhaltung dauerhaft sichern. Laut Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz (MULNV) habe es im Wolfsgebiet Schermbeck seit 2018 eine in etwa gleichbleibende Zahl von 18 bis 20 Übergriffen pro Jahr, „weit überwiegend auf unzureichend gegen den Wolf geschützte Haus- und Nutztiere“ gegeben. Mit wenigen Ausnahmen hätten die Übergriffe der Wölfin GW954f (Gloria) zugeordnet werden können.
Grundlagen für den Austausch waren unter anderem die Monitoring-Ergebnisse des LANUV sowie eine aktuelle vom Ministerium in Auftrag gegebene gutachterliche Stellungnahme der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) zum bisherigen Verhalten der Wölfe im Wolfsgebiet Schermbeck. Letztere bestätigt dem MULNV zufolge die bisherige Einschätzung, dass sich das Rudel in Schermbeck weitgehend von Wild ernähren würde. Übergriffe auf Haus-und Nutztiere würden im Wesentlichen immer dann erfolgen, wenn sich die Gelegenheit durch unzureichenden Herdenschutz bieten würde. Die gutachterliche Bewertung kommt laut Ministerium aber auch zu dem Schluss, dass dann, wenn sich Übergriffe auf ausreichend gegen den Wolf geschützte Weidetiere verstetigen, eine Entnahme des betreffenden Wolfs in Betracht zu ziehen sei. Zurzeit sei dies aber nicht der Fall.
Was Naturschutz und Landwirtschaft sagen
Für den NABU NRW bestätigt das Gutachten des DBBW, dass „Gloria von Wesel“ nicht auffällig sei und das Verhalten des Rudels dem anderer Rudel in Deutschland entsprechen würde. Von Naturschutzseite aus sähe man sich darin bestärkt, dass vorgefundene, unzureichende Herdenschutzmaßnahmen die Übergriffe auf Weidetiere stark erleichtert hätten. Christian Chwallek, stellvertretender Vorsitzender des NABU NRW fordert, sich auf das zu konzentrieren, „was bei einer guten Koexistenz von Wolf und Weidewirtschaft entscheidend ist, einen konsequent und effektiv umgesetzten Herdenschutz“. Es müssten dringend die zumutbaren Herdenschutzmaßnahmen getroffen und finanziert werden.
Der Rheinische Landwirtschafts-Verband (RLV) reagierte enttäuscht auf die Ergebnisse des vom MULNV bei der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes (DBBW) in Auftrag gegebenen Gutachtens zur Bewertung der Nutztierrisse im Wolfsgebiet Schermbeck. Laut Ministerium sei es seit 2018 zu 56 Vorfällen mit insgesamt 111 getöteten Weidetieren gekommen. Mit wenigen Ausnahmen hätten die Übergriffe der zugewanderten Wölfin zugeordnet werden können. In mindestens vier Fällen wurde laut RLV dabei ein selbst nach den Empfehlungen des Bundes ausreichender Herdenschutz überwunden. Dennoch käme das Gutachten zu der Einschätzung, dass eine Entnahme des betreffenden Wolfs zurzeit nicht in Betracht zu ziehen sei und empfiehlt eine konsequente Anwendung des empfohlenen Herdenschutzes. Nach Auffassung des RLV würde die DBBW „damit nicht zum ersten Mal die Verantwortung für Wolfsrisse allein den Weidetierhaltern“ zuschieben, indem „deren Schutzbemühungen als unzulänglich beschrieben werden“. Bereits im vergangenen Jahr gab es laut RLV Kritik an der Darstellung der Risssituation im Rahmen des bundesweiten DBBW-Schadensberichtes. Während die Wölfe in den anderen Wolfsgebieten Nordrhein-Westfalens aktuell kaum in Erscheinung treten würden, eskaliere die Situation am Niederrhein; inzwischen seien sogar zwei Ponys gerissen worden. Die unterschiedliche Situation führt der RLV „einzig auf die dort lebenden Wolfsindividuen zurück“.