„Wir hätten alle tot sein können“, sagt Julia Rösgen (40). Wie ein Film spulen sich in ihrem Kopf immer wieder die Bilder des Hochwassers vom 15. Juli ab. Vor zehn Jahren hat sie den Reiterhof Gut Waldsee in Bliesheim von ihren Eltern Gisela und Peter Rösgen übernommen. Ihren Beruf als Mediendesignerin hängte sie an den Nagel, lernte stattdessen Pferdewirtin und machte anschließend ihren Meister. Ihre Zukunft sah sie bei den Pferden, mit eigenen Reit- und Schulungspferden und sogar einer eigenen Zucht.
Schon am Mittwochabend hatten private Pferdehalter die Tiere nach einem ersten kleineren Hochwasser vorsorglich aus der tiefer gelegenen Offenstallhaltung auf den Reiterhof gebracht. „Die Pferde standen teils sogar im Reitstall“, berichtet sie. Noch ahnte sie nicht, dass die große Flut erst kommen sollte. „Als ich gegen 5 Uhr am Donnerstagmorgen aufstand, war noch alles in Ordnung“, sagt sie. Wenig später haben sich dann die Ereignisse regelrecht überschlagen. Von allen Seiten kam das Wasser, alles wurde überflutet. Blitzschnell galt es nun, die Pferde einzeln aus den Boxen, dem Reitstall und von den Weiden zu holen, um sie auf höher gelegene Weiden zu führen. „Wir wateten mit den Pferden durch hüfthohes, nach Öl und Abfall stinkendes Wasser“, berichtet sie. Die Strömung war reißend und gefährlich.
Aus der ganzen Nachbarschaft, aber auch aus ganz Bliesheim kamen ihr die Menschen zu Hilfe, um mit ihr die Pferde aus dem Hochwasser zu retten. Und als sei das noch nicht genug, habe auch noch ein Pferd gescheut und dabei einer der Helferinnen gegen den Kopf getreten. Inzwischen war das Handynetz total ausgefallen. Selber habe sie nicht einmal mehr den Notarzt anrufen können. „Aber einige Feuerwehrleute waren am Hof, um uns zu helfen“, erklärt sie. Über Funk wurde dann ein Helikopter geordert, der das Mädchen mit einer Schädel- und Kieferfraktur in die Universitätsklinik geflogen hat. „Ihr geht es inzwischen wieder besser“, ist Julia Rösgen erleichtert. Und dank der vielen mutigen Helferinnen und Helfer konnten über 60 Pferde, darunter einige Fohlen sowie alte und kranke Pferde, aus der Gefahrenzone geholt werden.
Der meiste Müll ist inzwischen weggeräumt. Tag und Nacht läuft aber auch jetzt noch die Pumpe. Immer noch stehen einige Wiesen und Weiden im Sumpf. „Das Wasser stinkt, tote Fische treiben darin und obendrauf schwimmt eine schlickige Ölschicht“, erklärt sie. „Das Weideland muss dringend nach Schadstoffen untersucht werden“, sagt sie. Bisher jedoch fühle sich keiner dafür zuständig. Die starke Strömung hat Weidezäune umgerissen und die Holzställe, die Reithalle und den Hallenboden zerstört. Um die vor Nässe immer noch triefenden Dämmungen aus den Holzställen zu bekommen, müssen alle Wände aufgerissen werden. Auch den Futtervorrat für die Tiere habe sich das Wasser genommen, inklusive der speziellen Fohlenmilch. Kinder aus der Nachbarschaft haben deswegen Haferflocken gesammelt. So konnte Julia Rösgen den Fohlen Haferbrei zubereiten. Auch Heu und Pellets wurden gespendet. „Aktuell haben wir Futter sogar im Überfluss“, sagt sie. Langfristig muss sie sich jedoch etwas einfallen lassen, denn auch ihr Produzent und Heulieferant ist im Ahrtal überflutet worden.
Margret Klose