Die Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen hat letzte Woche das zehnjährige Jubiläum ihres Lehrgangs Bauernhoferlebnispädagogik gefeiert. Der Kurs hat mittlerweile über 350 zertifizierte Bauernhofpädagoginnen und -pädagogen hervorgebracht. Die leisten für uns alle eine sehr wichtige Arbeit.
Kinderfüße, die durch Matsch und Pfützen laufen. Arme, die sich auf die Kanten von Ballen stemmen, um hinaufzuklettern. Kleine Hände, die Futter in Tiermäuler schieben und über warme oder feuchte Nasen streicheln. Große Augen staunen auf dem Beifahrersitz des Traktors. So kann die Kindheit auf einem Bauernhof aussehen. Ich kann mir kaum etwas Schöneres vorstellen! Ich hatte das Privileg, so aufzuwachsen, und bin der Meinung, dass möglichst viele Kinder ähnliche Erfahrungen machen sollten – wenn schon nicht als Hofkinder, dann zumindest in einzelnen Momenten, und das notfalls auch erst als Erwachsener. Es gibt zahlreiche Gründe, die dafürsprechen.
Mit der wichtigste ist, dass die Menschen heute kaum noch Bezug zur Landwirtschaft und zur Entstehung von Lebensmitteln haben. Es werden immer weniger landwirtschaftliche Betriebe und damit weniger Berührungspunkte. Zum Glück gibt es immer mehr Betriebe, die ihre Hoftore öffnen, damit die Menschen Landwirtschaft hautnah erleben können. Dazu hat auch der Lehrgang Bauernhoferlebnispädagogik der Landwirtschaftskammer NRW beigetragen, den in den letzten zehn Jahren über 350 Bauernhofpädagoginnen und -pädagogen absolviert haben. Die bieten einiges an auf ihren Betrieben: Jahreskurse, Kindergeburtstage, Programme für Kindergärten und Schulen, Erwachsene und Menschen mit Beeinträchtigung.
Wie groß der Lerneffekt ist, unterscheidet sich je nach Angebot. Kindergeburtstage haben in der Regel mehr Eventcharakter. Im Rahmen von Jahreskursen wird festen Kindergruppen vermittelt, was im Saisonverlauf auf den Höfen zu tun ist. Dafür kommen sie ein ganzes Jahr lang einmal pro Monat auf den Hof und können deutlich mehr Wissen mitnehmen. Davon profitieren am Ende alle: Kinder, Eltern, die landwirtschaftlichen Betriebe und die gesamte Gesellschaft.
Die Kinder, weil sie etwas fürs Leben lernen und dabei auch noch Spaß haben. Sie verbringen Zeit draußen an der frischen Luft und bewegen sich, was heute leider keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Laut einer aktuellen Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zum Digitalverhalten verbringen Kinder und Jugendliche immer früher immer mehr Zeit am Bildschirm. Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit empfiehlt jedoch: Je weniger Bildschirmzeit, desto besser.
Wenn die Kinder glücklich und ausgetobt von den Höfen nach Hause kommen, freut das auch die Eltern. Wobei die nicht selten ebenfalls Interesse an den Abläufen auf den Betrieben zeigen und – auch wenn sie es vielleicht nicht zugeben wollen – noch eine Menge über Landwirtschaft lernen können. Manche Bauernhofpädagoginnen oder -pädagogen bieten sogar Eltern-Kind-Programme an, die gerne genutzt werden.
Genau das ist das Schöne an der Bauernhoferlebnispädagogik: Alles ist möglich. Jeder kann sein Angebot passend für sich, seinen Betrieb und sein Umfeld individuell ausgestalten. Das wurde auch in den Vorträgen verschiedener Bauernhofpädagoginnen und -pädagogen auf der Jubiläumsfeier der Landwirtschaftskammer letzte Woche auf Haus Düsse deutlich, mehr dazu ab S. 48. Doch egal, auf welches Angebot man setzt: Am Ende muss es wirtschaftlich sein, damit nicht nur Kinder und Eltern, sondern auch die Betriebe davon profitieren. Allein von strahlenden Kinderaugen kann leider niemand seinen Lebensunterhalt bestreiten. Deshalb ist neben Pädagogik und rechtlichen Fragestellungen auch die Wirtschaftlichkeit ein Bestandteil des Bauernhofpädagogikkurses der Kammer.
Trotzdem dürfen nicht nur Kinder aus einkommensstarken Familien die Möglichkeit haben, auf die Höfe zu kommen. Also muss da angesetzt werden, wo alle Kinder hingehen: in der Schule. Einige Höfe haben bereits Kooperationen mit Schulen und regelmäßig Klassen zu Besuch. Allerdings werden sie dafür meistens noch nicht ausreichend entlohnt. NRW sollte sich hier ein Vorbild an Schleswig-Holstein nehmen, wo Landwirtinnen und Landwirte über die Bildungsoffensive Landwirtschaft, Ernährung und Verbraucherschutz 400 € Aufwandspauschale erhalten, wenn sie einen Vormittag lang mit Klassen der Sekundarstufe I oder II arbeiten. Ein weiteres Problem, an dem Besuche von Klassen auf den Höfen zum Teil scheitern, sind in den letzten Jahren stark gestiegene Buspreise.
Damit Hofbesuche auch künftig gelingen und allen Kindern offenstehen, müssen finanzielle Anreize für Betriebe und praktikable Lösungen für Schulen geschaffen werden. Nur dann kann die Bauernhoferlebnispädagogik langfristig ihren Beitrag zur Bildung und zum Verständnis für Landwirtschaft leisten und so ein Gewinn für alle sein – Familien, Betriebe und die Gesellschaft.