Der Umbau der Tierhaltung oder die Reduktion des Pflanzenschutzmitteleinsatzes dürften die Landwirtschaft so sehr verändern wie kaum ein anderes Thema. Dabei geht es nicht um Verhinderung, sondern darum, wie die Veränderung vonstatten geht. Das kann man nicht oft genug sagen.
Manchmal hat man den Eindruck, es gibt kaum noch andere Themen. Vor allem der Umbau der Tierhaltung und die EU-Pläne zur Reduzierung des Pflanzenschutzmitteleinsatzes waren in den Vormonaten Dauerbrenner und immer wieder hat sich die LZ damit befasst. Um die Tierhaltung und das Zaudern im Bund soll es heute nicht gehen. Jochen Borchert, Vorsitzender des Kompetenznetzwerkes Nutztierhaltung, redet dafür in dieser Ausgabe Tacheles und sagt, was die Politik vermissen lässt (ab S. 13). Daher widmen wir uns einem Anliegen, das sich EU, Bund und NRW getrennt voneinander vorgenommen haben. Das grundsätzliche Ziel, mehr für die Biodiversität zu tun, kann jeder mittragen. Beim „wie“ und „wer trägt die Lasten?“ scheiden sich die Geister.
Große Hoffnungen setzt die Politik in die Reduzierung des Pflanzenschutzmitteleinsatzes. Bund und Land bleiben in dem Punkt noch Konkretes schuldig. Anders die EU-Kommission. Die sorgt seit vergangenem Sommer mit der Verordnung zur nachhaltigen Verwendung von Pflanzenschutzmitteln (SUR) für Diskussionen. Viel ist dazu gesagt und geschrieben worden. Aber lange nicht genug, um von einem politisch motivierten auf einen wissenschaftsbasierten Pfad zu kommen. Deshalb dürfen weder Berufsvertretung noch Fachjournalisten das Thema aus den Augen verlieren. Es hängt einfach zu viel dran.
Manchmal halten andere das Thema am Laufen und manchmal kommen sogar neue Aspekte dazu. So bringt eine Studie aus Österreich das zentrale Argument der Befürworter einer drastischen Kürzung des Pflanzenschutzmitteleinsatzes ins Wanken. Treiber in Deutschland war vor allem die Krefelder Studie, die einen Schwund der Insektenmasse ausgemacht haben will. Aus Österreich wird nun aber auf der Basis von mehr als 30 Jahren Beobachtung an über 300 Standorten anderes vermeldet. So sei die Artenvielfalt in der Summe stabil geblieben, wobei sich aber aufgrund der Klimaveränderung die Artenzusammensetzung geändert habe (siehe LZ 4/23).
Unter anderem auf diese und andere Studien hat sich am Montag der Göttinger Agrarwissenschaftler Prof. Dr. Andreas von Tiedemann bei einer Anhörung im Agrarausschuss des Bundestages bezogen. Er zieht folgendes Fazit: „Die wissenschaftliche Studienlage macht deutlich, dass die Regulierung des Pflanzenschutzmitteleinsatzes generell die falsche Stellschraube für die Sicherung der Biodiversität ist.“ Auch in Bezug auf eine Gesundheitsgefährdung nimmt er eine klare Position ein: „Eine Verbrauchergefährdung durch Produkte aus konventioneller Produktion ist wissenschaftlich nicht belegbar, ein entsprechender Handlungsbedarf nicht ableitbar.“ Schließlich warnt er noch: „Ein Verzicht der Erntesicherung durch modernen Pflanzenschutz würde die Zahl der Hungernden von derzeit mehr als 800 Millionen auf 2,9 Mrd. und die Hungerrate von 9 % auf 37 % erhöhen. Damit wäre der gesamte seit 1960 erzielte Fortschritt in der Hungerbekämpfung zunichtegemacht.“
Die Erkenntnisse hat man schon öfter gehört. Das schmälert ihren Wert aber nicht. Gehört hat man auch schon, was andere Sachverständige und Institutionen vor dem Agrarausschuss vorgetragen haben, die nicht verdächtig sind, das politische Ziel der Reduktion infrage zu stellen. So sprachen etwa die Vertreter des Julius Kühn-Instituts und des Bundesinstituts für Risikobewertung (beide im Geschäftsbereich des Bundeslandwirtschaftsministeriums) nicht nur von einem ambitionierten Ziel der EU, sondern auch davon, dass kleine und mittelständische Betriebe nicht in der Lage seien, „von heute auf morgen auf Pflanzenschutzmittel zu verzichten“. Stattdessen solle man zuerst in Großbetrieben starten. Für sie sei es eher möglich, technische Neuerungen umzusetzen. Aber nicht unmöglich, muss man dieser Stelle ergänzen. Auf die Innovationsbereitschaft kommt es auch gar nicht an. Es kommt darauf an, dass die Politik für alle ein verlässlicher Partner ist, wenn sie den Betrieben wissenschaftlich nur dürftig zu begründende Ziele aufbürden will, und, dass auszugleichen ist, was ihnen so an Nutzen entgeht. Das kann man nicht oft genug sagen! Hier kommt man nun doch nicht am Beispiel des Umbaus der Tierhaltung vorbei. Dazu bekennen sich viele. Wenn es ums Tun geht, winden sie sich aber. Ich fürchte für den Pflanzenschutz daher den Ruf des Nachtwächters: „Hört Ihr Leut und lasst Euch sagen ...“