„Ich stelle mich vor die Bauern“

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Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner spricht in einem Interview über immer mehr Umweltanforderungen an die Landwirtschaft, die Notwendigkeit eines stabilen EU-Agrarhaushalts und Lehren aus der Corona-Pandemie. Sie warnt vor einer Überfrachtung der Agrarpolitik mit umweltpolitischen Forderungen.

LZ | Rheinland: In der gegenwärtigen europa- und innenpolitischen Diskussion wird weniger die Finanzausstattung der GAP als solche in Frage gestellt als die Ausgestaltung der EU-Agrarförderung. Sind weitergehende Reformschritte die Voraussetzung für einen stabilen EU-Agrarhaushalt?

J. Klöckner: Ganz ehrlich, ich kann es schon nicht mehr hören, wenn alle möglichen Leute und Organisationen vom gemütlichen Sofa aus reflexartig Forderungen an die Landwirtschaft he­rantragen, die sie gefälligst auch noch aus dem begrenzten Budget der GAP zu erfüllen habe. Diese GAP kann doch nicht ein Steinbruch für jede einzelne Spielwiese außerhalb der Landwirtschaft sein. Dass Landwirte diesen Dauerbeschuss oft als Kampfansage sehen, das verstehe ich. Wir müssen doch auch gangbare Wege aufzeigen. Fast möchte man meinen, Landwirte sollen künftig nur noch Landschaftsgärtner sein. Dabei hat uns Corona gelehrt, dass wir in Europa die Eigenversorgung und die heimische Produktion nicht vernachlässigen dürfen. Dazu brauchen wir nun einmal ein starkes Agrarbudget, das die Bauern in die Lage versetzt, Ernten sicher einzubringen und zugleich zusätzliche Umweltauflagen erfüllen zu können. Wenn sich das Wirtschaften nicht mehr rechnet, werden Landwirte aufhören oder Junglandwirte erst gar nicht anfangen. Das kann auch nicht im Interesse von denen sein, die ein Phantasialand im Kopf haben, in dem der Fokus allein auf der Umwelt liegt und ausgeblendet wird, dass wir alle jeden Tag essen müssen. Ohne landwirtschaftliche Erzeugung geht das nicht, dann bleiben Kühlschränke und Kochtöpfe leer.

LZ | Rheinland: Umweltpolitiker und Umweltverbände dominieren derzeit die agrarpolitische Diskussion. Agrarpolitiker und landwirtschaftliche Interessenvertreter sind in der Defensive. Wie kommen sie da raus?

J. Klöckner: Indem sie sich immer wieder selbstbewusst in die Debatte einbringen und argumentieren, die Dinge beim Namen nennen und nicht bei jedem Vorschlag der Umweltseite reflexartig dichtmachen oder zum Gegenangriff übergehen. Wenn man auf Alles-oder-Nichts-Forderungen mit Alles-oder-Nichts-Gegenforderungen antwortet, kommt man nicht weiter. Ich sage noch einmal: Die Richtung, die die Landwirtschaft seit vielen Jahren eingeschlagen hat, stimmt. Das muss man offensiv vertreten. Wir haben so viel Blühfläche wie noch nie in Deutschland. Gerade die jungen Landwirte wollen nachhaltiger und ressourcenschonender wirtschaften. Sie sind offen für Precision Farming, für mehr Digitalisierung. Das ist etwas anderes, als wenn manche Umweltvertreter mit Scheuklappen ihre Wünsche formulieren und dabei oft außer Acht lassen, dass es nur mit, nicht gegen die Landwirtschaft geht. Wir haben jetzt eine Chance. Die Corona-Krise hat die Wertschätzung für Landwirte und regionale Erzeugung gesteigert. Das gilt es, konstruktiv zu nutzen.

LZ | Rheinland: Die Kluft zwischen der Agrar- und Umweltseite ist auch zwischen Ihnen und Umweltministerin Schulze sichtbar. Haben Sie mittlerweile eine gemeinsame Position für den irgendwann anstehenden Endspurt der GAP-Verhandlungen?

J. Klöckner: Ich habe da eine klare Position. Kollegin Schulze kommt hingegen teilweise zu anderen Einschätzungen. Im Allgemeinen finden wir Kompromisse. Aber ich sage ganz deutlich, wir haben andere Zielgruppen, und ich stelle mich vor die Landwirte, auch wenn ich ihnen viel zumute. Die Bundesumweltministerin hat fast ausschließlich die NGO im Blick. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass Nachhaltigkeit drei Säulen hat: die Ökologie, die Ökonomie, aber auch die soziale Frage. Da sehe ich mich in der Verantwortung. AgE