Der Rheinische Landwirtschafts-Verband (RLV) hat eine neue Spitze. Seine Schlagkraft kann er aber nur entfalten, wenn sich Mitglieder, Ehrenamt und Hauptamt als eine Stimme verstehen.
Drei Wahlen in einer Woche. Und jede hatte für sich beziehungsweise für die Menschen, die auf dieses Amt schauen, eine herausragende Bedeutung. Gerne wird in solchen Fällen versucht, Parallelen und Unterschiede herauszustellen. Das könnte man auch im Fall von Friedrich Merz, der erst im zweiten Wahlgang zum deutschen Bundeskanzler gewählt wurde, von Leo XIV., dem neuen Papst, der überraschend schnell vom Konklave auf den Heiligen Stuhl berufen wurde, und von Erich Gussen, der nun an der Spitze des Rheinischen Landwirtschafts-Verbandes steht. Selbst auf die Gefahr, dass es abgedroschen klingt: Man muss es sogar!
So einfach die Antwort auf das Warum ist, so herausfordernd ist, was daraus folgt. Ob bezogen auf das Rheinland, Deutschland oder den gesamten Globus: Gussen, Merz und Leo XIV. sehen sich jeweils einer Klientel gegenüber, deren Interessen immer mehr auseinandergehen. Merz muss Ost- und Westdeutschland zusammenführen; er muss die Wirtschaft ankurbeln, ohne dabei Arbeiter und Arbeitnehmer sowie Bedürftige zu vernachlässigen. Er (wie im Übrigen auch andere) muss die Populisten und Hetzer entzaubern, aber dennoch die Mitbürger ernst nehmen, die ihnen zu Wahlerfolgen verhelfen. Papst Leo XIV. muss die Menschen und die Not in den armen Ländern im Blick behalten. Während dort die Zahl der Gläubigen wächst, schrumpft sie in den Wohlstandsländern und die Kluft zwischen ihnen und den Kirchen wird immer größer.
Und Erich Gussen? Er und der RLV sehen sich einem weiteren Wandel in der Landwirtschaft gegenüber. Der wird, dafür muss man kein Prophet sein, dafür sorgen, dass Betriebe die Landwirtschaft aufgeben werden, während andere wachsen und/oder immer individuellere Konzepte entwickeln, um wirtschaftlich zu bestehen. Das wird weit über den Trend zur Spezialisierung in den vergangenen Jahrzehnten hinausgehen. Weniger Betriebe, unterschiedliche Interessen und aufgrund der weiteren Professionalisierung der Betriebsleiterinnen und Betriebsleiter steigende Anforderungen – das sind einige der Herausforderungen, denen sich der RLV wie die meisten anderen Berufsverbände in unserer Republik stellen muss. Egal ob sie nun die Interessen der Landwirtschaft, der Automobilzulieferer, der Gastronomie, von Freizeitsportlern oder im Gesangverein vertreten, überall steigt auch der Rechtfertigungsdruck gegenüber dem einzelnen Mitglied, das zu Recht immer wieder fragt: „Was bringt mir das eigentlich?“
Der scheidende RLV-Präsident Bernhard Conzen gab die Antwort in einem Rückblick auf seine Amtszeit. Motivation sei für ihn immer gewesen, etwas Positives zu erreichen. Heute komme es mehr darauf an, „Schlimmeres zu verhindern“. Natürlich ist das nur eine Facette, worum sich ein Verband zum Nutzen seiner Mitglieder zu kümmern hat. Für den Erfolg, etwas zu erreichen oder etwas zu verhindern, ist allerdings angesichts zunehmender Regelungsdichte in allen Lebensbereichen unendlich viel Einsatz nötig. Dies zu leisten, dazu braucht es auch einen Apparat, einen Trupp an Menschen, die sich laufend mit den Themen befassen, sich mit Fachleuten austauschen und Verbündete suchen, um dann zur richtigen Zeit mit den richtigen Instrumenten die richtigen Stellen anzusprechen und zu überzeugen. Das ist nicht nebenher zu erledigen und erfordert zudem eine gesunde wirtschaftliche Basis. Conzen hat Gussen hier ein gut bestelltes Feld hinterlassen. Damit die Saat aufgeht und optimalen Ertrag bringt, muss allerdings vieles zusammenspielen. Als passionierter Ackerbauer weiß Gussen, dass manches davon nicht allein in der Hand des Feldherrn liegt. Doch anders als auf dem Feld, wo unvorhergesehene Witterungslagen um die Erträge fürchten lassen, ist das Klima im Verband – die Einstellung und die Unterstützung jedes einzelnen Mitglieds – kein vom Schicksal abhängiges Phänomen. Da darf es durchaus einmal rumpeln und blitzen. Das gehört dazu, wenn um die beste Lösung gerungen wird, um eine gemeinsame Position zu finden. Die bekommt allerdings auch nur dann Durchschlagskraft, wenn sie mit einer Stimme vertreten wird. Das ist umso wichtiger, je weiter ein Berufsstand wie die Landwirtschaft aus dem Blickfeld der Bevölkerung rückt.
Ein neues Führungstrio macht noch keinen Verband erfolgreicher. Es kommt auf dessen Impulse und Verhandlungsgeschick an, aber genauso auf den Austausch und den Rückhalt in den eigenen Reihen. Ich halte es für einen unschätzbaren Vorteil des RLV, in einer Region zuhause zu sein, wo man sich kennt und man es gewohnt ist, miteinander zu sprechen. Das baut der Unnahbarkeit und Distanz zwischen Basis und Führungsspitze vor, wie man es in anderen Verbänden durchaus erlebt. Das ist aber genauso eine Verpflichtung für Führung und für Mitglieder, denn jeder ist Lobbyist und Interessenvertreter für den Berufsstand und damit für sich.