Jetzt ist die Praxis gefragt

LZ-Chefredakteur Detlef Steinert

Die Verordnung zur nachhaltigen Verwendung von Pflanzenschutzmitteln (SUR) ist im EU-Parlament gescheitert. Die Kommission hat ihre Quittung für handwerkliche Fehler bekommen, die Berichterstatterin des Umweltausschusses für Populismus und überzogene Forderungen. Jetzt muss die Landwirtschaft das Heft in die Hand nehmen und vernünftigen Konzepten zur Reduzierung des Pflanzenschutzmitteleinsatzes den Weg bahnen.
Wir haben in dieser Ausgabe der Verordnung zum nachhaltigen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln (SUR) viele Seiten gewidmet. Als Leserin oder als Leser fragen Sie sich bestimmt, warum. Schließlich kommt es da­­rauf an, dass dieses Werk mit seinen überzogenen Forderungen und Vorstellungen, die teils völlig an der Praxis vorbeigehen, vom Tisch ist. Das EU-Parlament hat dagegen gestimmt, die Sache ist durch und damit ist gut. Könnte man meinen. Aber das ist es nicht. Denn das Thema Pflanzenschutzmittelreduktion verschwindet damit nicht im Nichts. Es gibt eine Atempause. Mehr nicht. Wer die Pressekonferenz von Sarah Wiener, der zuständigen Berichterstatterin aus dem Umweltausschuss im EU-Parlament am Mittwoch vergangener Woche nach der Abstimmung verfolgt hat, erlebte eine sichtlich schlecht gelaunte Politikerin. Man hat ihr geradezu angemerkt, dass sie das Abstimmungsergebnis persönlich nimmt, sehr persönlich sogar. Alle im EU-Parlament, die nicht ihren Vorschlägen gefolgt waren, kanzelte sie als Rechte, Rechtsextreme oder Rechtsradikale ab. Und sie deutete an, dass einmal die Schrauben umso stärker angedreht werden könnten. Nach der anstehenden Europawahl beispielsweise. Ihre Aufforderung „Augen auf bei der Wahl, wen ihr unterstützt und wie!“ war deswegen sicher nicht an die vielen Landwirtinnen und Landwirte gerichtet, die an diesem Tag aufgeatmet haben dürften, weil der Kelch erst einmal an ihnen vorbei gegangen ist. Aber man konnte es als Drohung auffassen, nach dem Motto, bei nächster Gelegenheit bekommen sie es heimgezahlt.
Zwar ist bestimmt nicht abgemacht, dass der politische Dunstkreis um Sarah Wiener nach der Europawahl an Einfluss gewinnt. Wie es mit dem Pflanzenschutz auch mithilfe chemischer Mittel weitergeht, ist allerdings kein Alleinstellungsthema der Grünen. Auch die Konservativen im Europaparlament, in der Bundes- und in der Landespolitik befürworten Schritte zu einer weiteren Reduktion. Und die Landwirtinnen und Landwirte selbst sowie ihre Berufsvertretung haben in den vergangenen Monaten immer wieder unterstrichen, dass sie bereit dazu sind, den Pflanzenschutzaufwand noch weiter zu senken. Aber sie haben auch davor gewarnt, dies pauschal und ohne jegliche Differenzierung nach Standort, Witterungsverhältnissen oder Kulturen zu verordnen. An der fehlenden Einsicht, dass man von Sizilien bis zum Nordkap, von Gibraltar bis zur Danziger Bucht nicht alles über einen Kamm scheren kann, auch daran sind die Kommission und Wiener gescheitert. Einmal scheitern, hindert aber niemanden daran, es erneut zu probieren, von oben herab und vom grünen Tisch aus zu befinden, wie Pflanzenschutz auf den europäischen Feldern abzulaufen hat. Schließlich war die SUR nicht der erste Vorstoß der EU-Kommission. Die hatte vor Jahren bereits mit der Sustainable Use Directive (SUD) zum selben Thema erfolglos versucht, die Mitgliedstaaten auf eine einheitliche Linie zu bringen. Das wollte sie mit der SUR besser machen, weil sie auf dem Weg einer Verordnung (Regulation) mehr Durchgriff bekommen hätte, als es mit einer Richtlinie (Directive) möglich war. Der nächste Anlauf wird also folgen. Nicht mehr in dieser Legislaturperiode, aber sobald ein neu gewähltes EU-Parlament und eine neue EU-Kommission arbeitsfähig sind.
Was dann an Ideen auf den Tisch kommt, um den Pflanzenschutz zu regulieren, weiß heute niemand; auch nicht, welche Positionen dann dominieren. Eines ist aber sicher: Jedes Beispiel, wie Pflanzenschutz verantwortungsbewusst betrieben werden kann, ohne die Hauptaufgabe der Landwirtschaft zu gefährden, Lebensmittel in ausreichender Menge und hoher Qualität zu erzeugen, verringert das Risiko, dass noch einmal populistische und für die Praxis untaugliche Vorschläge eine Chance bekommen. Hierzulande sind die landwirtschaftlichen Betriebe auf einem sehr guten Weg und auch in anderen Mitgliedstaaten der EU gibt es viele Beispiele, wie Reduktion gelingen kann. Auch wenn die SUR gerade gekippt wurde, es kommt gerade jetzt da­­rauf an, solche Vorbilder der Öffentlichkeit vor Augen zu führen. Viele von Wieners Behauptungen vor und nach der SUR-Abstimmung würden so als unhaltbar entlarvt. Wichtiger ist aber, damit einer vernünftigen Regelung frühzeitig den Weg zu bereiten, die für ganz Europa gilt. Ein Flickenteppich von 27 nationalen und noch mehr regionalen Konzepten dient nämlich niemandem, der verantwortungsvollen Pflanzenschutz ernst nimmt, verschärft aber Wettbewerbsverzerrungen in der EU.