Ob Känguru im Garten oder Krokodil im Rhein – Saure-Gurken-Zeit und Sommerloch brachten früher immer wieder herrliche Geschichten in die Schlagzeilen. Dorthin schaffte es in diesem Sommer aber manches Thema mit fraglicher Relevanz, während solche mit existenzieller Bedeutung es höchstens zur Randnotiz gebracht haben.
Der Beruf als Journalist erfordert es eigentlich, dass man alles mit Vorbehalt betrachten sollte. Schließlich ist es Teil der Aufgabe, möglichst alle relevanten Facetten sachlich aufzunehmen und wiederzugeben. Auch wenn es mit den digitalen Medien jedem Einzelnen, jedem Unternehmen, jeder Partei und jeder Interessengruppe heute prinzipiell möglich ist, sich selbst eine Plattform zu schaffen, über die sich eigene Sichtweisen in die Welt tragen lassen, schreiben viele Mitbürger Medien wie TV-Sendern, Tageszeitungen oder (Fach-)Zeitschriften nach wie vor eine wichtige Rolle für die Meinungsbildung zu. Deshalb sind Redaktionen auch heute noch erste Adressen für jeden, der die öffentliche Meinung in seinem Sinne informieren will.
Dass man manchmal Zweifel haben kann, inwieweit Kolleginnen und Kollegen der sogenannten Publikumsmedien die relevanten Facetten zu einem Thema ausreichend ausleuchten, wird sicher zu Recht immer wieder einmal hinterfragt – gerade wenn es um Themen rund um die Landwirtschaft geht. Einseitigkeit oder unzureichende Recherche lauten schon mal die Vorwürfe. Das betrifft aber nur die Aspekte, wie ein Thema aufgearbeitet und wie es schließlich Zuhörern, Zuschauern und Lesern präsentiert wird. Sorgen bereitet mir derzeit auch die Frage, welche Themen überhaupt zur Sprache kommen beziehungsweise welche Wichtigkeit Journalistinnen und Journalisten unterschiedlichen Meldungen zumessen.
An dieser Stelle nur zwei Beispiele, auch wenn sich leicht noch mehr finden lassen. Der Begriff „kulturelle Aneignung“ geisterte in den vergangenen Wochen durch fast alle Publikumsmedien. Gemeint ist damit, dass Menschen Anregungen aus anderen Kulturkreisen aufgreifen, zum Beispiel in Form von Musik, Kleidung, Essen oder Frisuren. So musste etwa kürzlich in der Schweiz eine Musikgruppe ihr Konzert abbrechen, weil Zuhörer kritisierten, dass die Musiker Rastalocken hatten, einen Frisurstil, den Reggae-Musiker aus der Karibik weltweit bekannt machten. Das blieb kein lokales Phänomen. Auch die Bücher von Karl May, der mit seinen Abenteuer- romanen ganze Generationen von Jugendlichen in seinen Bann gezogen hat, stehen plötzlich im Ruch, ungerechtfertigt Kulturgut anderer Völker ausgenutzt zu haben beziehungsweise Rassismus und Kolonialismus zu verherrlichen. Das Sommerloch füllte auch die Meldung, dass zwei deutsche Filialen der schwedischen Möbelhauskette Ikea keine Pommes mehr anbieten wollen, weil sie die für klimaschädlich halten.
Man kann sicher über die Klimabilanz von Pommes diskutieren, wenn dies – anders als kürzlich der TV-Arzt Dr. Eckart von Hirschhausen beim Thema Milch – auf Basis wissenschaftlich anerkannter Fakten passiert. Eine Diskussion, ob eine Zubereitungsart besser für das Klima ist als eine andere, ist aber von vorneherein müßig, wenn das Risiko droht, dass das betreffende Lebensmittel künftig gar nicht in ausreichenden Mengen und zu angemessenen Preisen für die Bevölkerung zur Verfügung steht. Nun habe ich persönlich keine Sorge, dass die hiesigen Landwirtinnen und Landwirte von sich aus alles daransetzen, weiterhin hochwertige Lebensmittel zu erzeugen. Wenn man sie denn lässt! Genau das ist aber der Knackpunkt. In den Fachzeitschriften und in allen Gesprächen im Dunstkreis der Landwirtschaft kommt die Sprache sehr schnell darauf, welche eklatante Gefahr für die heimische Lebensmittelversorgung von den Plänen der EU zur Einschränkung des Pflanzenschutzes ausgeht – wohlgemerkt nicht nur für konventionelle, sondern auch für ökologisch wirtschaftende Betriebe. Nur wenigen Redaktionen war das in den vergangenen Tagen im Zusammenhang mit der Vorstellung der Erntebilanzen durch Bauernverband, Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft oder Raiffeisenverband eine Meldung wert. Die meisten gaben sich damit zufrieden, dass die Getreideernte alles in allem im Bundesgebiet ähnlich hoch ausgefallen ist wie im langjährigen Mittel und somit die Versorgung erst einmal gesichert scheint. Dass die Versorgungssouveränität aber durch die Pläne Brüssels in den Keller zu rauschen droht, war allenfalls eine Randnotiz. Ob die bundesweit für diesen Mittwoch (nach Redaktionsschluss der LZ Rheinland) angekündigten Demonstrationen die Redaktionen wachrütteln, lässt sich schwer sagen. Ich hoffe jedenfalls, dass die Wichtigkeit des Themas nicht erst erkannt wird, wenn Australien beginnt, Tausende Tonnen Getreide nach Europa zu verschiffen. Kängurus wären dann mehr als nur Sommerlochthema.