In Deutschland fehlen wöchentlich mindestens 80 000 Schlachtungen, damit der coronabedingte Angebotsüberhang von aktuell etwa 500 000 Schlachtschweinen nicht noch größer wird. Darauf hat am Mittwoch vergangener Woche die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) hingewiesen und dringend an die Politik appelliert, vermehrte Schlachtungen zu ermöglichen. In der Praxis scheine es damit aber zu haken, denn verschiedene Schlachtunternehmen in Niedersachsen hätten noch keine Zusage für die Genehmigung von Sonntagsarbeit oder für das Schlachten am Reformationstag erhalten, teilte die ISN mit Verweis auf einen Bericht in der „Nordwest-Zeitung“ mit. Den Gewerbeaufsichtsämtern fehle dazu noch die Direktive durch das Sozialministerium in Hannover. „Unser Eindruck ist, dass man von Seiten der jeweiligen Landwirtschaftsministerien alles tut, um den Schweinehaltern aus der Notlage zu helfen. Bei den außerdem zuständigen Arbeits- und Sozialressorts sieht das aber nach unserer Wahrnehmung deutlich anders aus“, kritisierte ISN-Geschäftsführer Dr. Torsten Staack.
Wachsende Unsicherheit
Die Vereinigung der Erzeugergemeinschaften für Vieh und Fleisch (VEZG) ließ trotz des wachsenden Drucks am Lebendmarkt die Schlachtschweinenotierung bei 1,27 €/kg Schlachtgewicht (SG) stehen, denn am Fleischmarkt sieht die Situation nicht so trübe aus. Die in einem geringeren Maße als üblich produzierten Teilstücke ließen sich zuletzt normal und zu recht stabilen Preisen absetzen. Laut Danish Crown ist jedoch aufgrund der stark steigenden Corona-Infektionen in Europa im Fleischhandel eine wachsende Unsicherheit zu spüren. Die Nachfrage für das Außer-Haus-Segment werde bei zunehmender Einschränkung des öffentlichen Lebens und der Restaurants wieder geringer. Dagegen laufe der Export nach Asien weiter gut.
Statistik und Ausblick
Nicht nur derzeit, sondern bereits in den Sommermonaten ist es in Deutschland zu einem deutlichen Rückgang der Schweineschlachtungen gekommen. Wie aus der aktuellen Schlachtstatistik des Statistischen Bundesamtes (Destatis) hervorgeht, kamen im August 4,33 Mio. Schweine an den Haken. Das waren rund 259 000 Stück oder 5,6 % weniger als im Vorjahresmonat. Im Juli, als das Tönnies-Werk in Rheda-Wiedenbrück bis zur Monatsmitte komplett geschlossen war, hatte das Schlachtaufkommen im Vorjahresvergleich sogar um fast 312 00 Tiere beziehungsweise 6,8 % abgenommen. Auch der Mai weist mit einem Minus von 315 000 Schweinen oder 7 % einen starken Rückgang auf. Damals waren einige Schlachtbetriebe wegen Corona-Infektionen bei Mitarbeitern außer Betrieb. Die Schweinefleischerzeugung sank in den ersten acht Monaten von 2019 um 2 % auf 3,38 Mio. t. Angesichts der aktuell wegen Corona-Hygieneauflagen und des Fehlens von Mitarbeitern begrenzten Schlacht- und Zerlegekapazitäten ist für den weiteren Jahresverlauf mit weiteren deutlichen Produktionseinbußen zu rechnen, die sich im Gesamtjahr gegenüber 2019 bei der Schweinefleischerzeugung auf bis zu 5 % belaufen könnten. Für das kommende Jahr hält die Agrarmarkt Informations-GmbH (AMI) in einer aktuellen Prognose sogar einen weiteren Einbruch von 10 % oder mehr für möglich.
AgE