Das Coronavirus und Covid-19, die Erkrankung, die es auslöst, haben die gesamte Gesellschaft im Griff. Von heute auf morgen liegt fast das gesamte öffentliche Leben lahm. Wer das als Gelegenheit ansieht, noch eins draufzusetzen, um Politik und Gesellschaft zu zeigen, wie unverzichtbar unsere Landwirtschaft ist, stellt der ganzen Branche ein Bein.
In den zurückliegenden Tagen ist mir mehrmals eine Erinnerung aus Kindertagen in den Sinn gekommen. Damals erzählten sich die Menschen in meinem Heimatdorf von einer Begebenheit mit einem anderen Mitbürger aus dem Dorf. Der arbeitete in einer ortsansässigen Metallwarenfabrik und galt als durchaus ruppig. Besagter Mitbürger soll sich öfter mal im Alkoholdunst in der Dorfwirtschaft seiner Kindheit als Flüchtling in den Nachkriegsjahren erinnert haben. Dabei soll er sich gebrüstet haben, dass er sich nicht scheuen würde, einfach beim nächsten Bauern in den Stall zu gehen und ein Schwein rauszuholen, um es zu schlachten, wenn es wieder einmal dazu kommen würde, dass Menschen sich um genügend Essen sorgen müssten. Wenn es sein müsste, würde er dabei auch seine Fäuste gebrauchen. Ernst genommen hat den Zeitgenossen damals, vor über 40 Jahren, niemand bei uns im Dorf.
Man darf Gott sowie dem Können und dem Fleiß der Bauern danken, dass es seither nie zu einer solchen Situation gekommen ist. Augenblicklich, in einer Situation, in der ein mikro-skopisch kleiner Organismus den riesigen globalen Handelsorganismus zum Erliegen bringt, bin ich überzeugt, dass eine solche Situation in nächster Zeit auch nicht eintreten wird. Leere Regale in den Supermärkten lassen es zwar befürchten. Sie sind aber mehr ein Zeichen einer übersteigerten Panik. Auch Meldungen, wonach die ersten Schlachterkolonnen aus Osteuropa ihre Sachen packen, um heimzureisen, oder Saisonarbeitskräfte erst gar nicht zu den Obst- und Gemüsebaubetrieben anreisen können, sind kein Beleg dafür, dass es eng werden dürfte mit der Versorgung mit Grundnahrungsmitteln. Hunger leiden wird auf absehbare Zeit niemand in unserem Land. Eng wird es vielleicht da, wo es um die gewohnte Vielfalt bei der Auswahl an Lebensmitteln geht.
Wenn ich allerdings Kommentare im Nachrichtendienst Whatsapp, auf Facebook oder Twitter lese, sehe ich einen ganz anderen, eklatanteren Mangel: einen Mangel an Anstand und an Verantwortungsgefühl für unsere Nächsten. Als dümmlich, aber harmlos kann man gerne noch Forderungen abtun, nun müssten mal reihenweise Politiker, Verbraucher oder Journalisten aufs Feld geschickt werden, um Spargel zu stechen oder Beeren zu pflücken. Dann würden die endlich mal die Vernunft annehmen, die bisher immer nur die Nase gerümpft und über die Landwirtschaft geschimpft haben. Gefährlich gleiten dagegen Aufrufe ab, in der jetzigen Situation für einige Tage in Streik zu treten und keine Milch, keine Eier oder kein Fleisch mehr zu verkaufen. Abgesehen davon, dass dies ethisch mit nichts zu rechtfertigen ist, würde sich die gesamte Landwirtschaft damit den Rest an guter Reputation in der Bevölkerung verscherzen. Wer mag schon jemanden, der in schwierigen Zeiten die Situation offensichtlich noch bewusst verschärfen will? Niemand!
Aber Menschen mögen durchaus die, die zupacken und die helfen, gerade wenn man es von ihnen gar nicht erwartet hat und gar nicht damit rechnet. Jetzt ist nicht die Zeit für Häme nach dem Motto „Jetzt zeigen wir es euch aber mal“. Jetzt ist die Zeit, um sich gegenseitig unter die Arme zu greifen, da wo es nötig ist und wo es mit Blick auf Quarantänebestimmungen möglich ist. Jetzt ist die Zeit, Größe zu zeigen und eine Möglichkeit, bei den Mitmenschen so viel Sympathie einzuwerben, wie es milliardenschwere Werbekampagnen nicht ermöglichen. Jetzt ist auch die Zeit, der Floskel von Partnerschaften zwischen Stadt und Land eine Bedeutung zu geben. Jetzt ist die Zeit, in der es die Bauern und Bäuerinnen der Gesellschaft wirklich einmal zeigen können, was sie an ihnen hat, weil sie niemanden im Stich lassen, wenn Not herrscht. Wer anders denkt, begibt sich auf das gleiche Niveau wie der Zeitgenosse, den ich zu Anfang dieser Zeilen geschildert habe. Bleiben Sie gesund und bleiben Sie Mensch in diesen Zeiten.