Rund 40 000 Menschen leben in Manguinhos, einer der größten Favelas von Rio de Janeiro. Wie die meisten dieser Armenviertel hat auch hier eine Drogengang, das „Comando Vermelho“ (Rotes Kommando), das Sagen. Umso überraschender ist der Anblick des Gemeinschaftsgartens von Manguinhos, der als der größte innerstädtische Gemüsegarten Südamerikas gilt. Er existiert seit 2013 und umfasst zwei längliche Terrains mit 350 rechteckigen Beeten. So groß wie vier Fußballfelder, genau unter einer Hochspannungsleitung gelegen.
„Früher war dies der schlimmste Ort des Viertels“, erinnert sich Erivaldo Lira im Interview mit dem Tagesspiegel. Er ist seit 16 Jahren Präsident der Einwohnervereinigung von Manguinhos. „Die Leute luden ihren Müll hier ab und es kamen Drogenabhängige, um Crack zu nehmen. Es waren rund 200 bis 300 Menschen, die unter schlimmen Bedingungen lebten, es stank zum Himmel, es war gefährlich, es gab Ratten und Ungeziefer“, erklärte er der Berliner Tageszeitung.
Den Umschwung brachte das Programm „Hortas Cariocas“ (Gärten von Rio), mit dem die Stadtverwaltung von Rio de Janeiro genau an diesem Ort ein positives Beispiel für Veränderung schaffen wollte. Und das gelang! Viele bis dahin ungenutzte Flächen in der Metropole werden nun für den Anbau von Lebensmitteln genutzt – rund 50 Gemüsegärten gibt es im ganzen Stadtgebiet, die Hälfte an Schulen. Damit werden gleich mehrere Vorteile miteinander verbunden: Räume in der Stadt, die als verloren galten, werden zurückgewonnen, es wurden Arbeitsplätze geschaffen, es werden günstig gesunde Lebensmittel produziert, Sozialarbeit bei den Bewohnern der Favelas geleistet und die Schüler lernen im Unterricht ganz praktisch den Anbau und die Verarbeitung. Insgesamt produzieren nach Medieninformationen die in dem Programm zusammengeschlossenen Gemeinschafts-gärten jeden Monat 82 t Bio-Lebensmittel. In der Corona-Krise wurde alles davon an Bedürftige gespendet.
Auch das Magazin Spiegel berichtet vom Vorzeigeprojekt. Ihnen erzählte der 24-jährige Leonardo Ferreira, dass er wohl längst tot wäre, hätte er den Job als Gärtner nicht bekommen. Seit rund sieben Jahren arbeitet er im Gemeinschaftsgarten, davor seit seinem zwölften Lebensjahr für eine Drogengang. „Mein Job war es, auf Polizisten zu schießen“, zitiert ihn der Spiegel. „Ich danke Gott, dass ich da rausgekommen bin, bevor es zu spät war.“ Für viele der Angestellten ist die Arbeit nicht nur der ersehnte Ausstieg aus der Illegalität, sondern wirkt auch wie eine Therapie.
Das Projekt wirkt sich außerdem auf die Gesundheit der Favela-Bewohner aus: Die noch zusätzlich durch Corona verschärfte prekäre Versorgungslage wird durch die erzeugten Lebensmittel gemildert. Jeden Mittwochmorgen verteilen die Mitarbeiter ihre Erträge aus dem Gemeinschaftsgarten an die Bewohner des Armenviertels, wie Spinat, Auberginen, Rucola, Koriander, Kohlblätter und Okraschoten beispielsweise. Es wachsen auch Zucchini, Tomaten, Bananen, Guaven, Chicorée, Maniok, Bohnen, Erbsen, Rote Bete, Kürbisse, Papayas und Acerolakirschen.
Manches ist den Einwohnern Manguinhos auch unbekannt, viele sind verhalten und skeptisch. Darum sind die Verteiler auch immer Berater: Wie schmeckt das? Was kann ich damit kochen? Und warum sieht das Bio-Gemüse anders aus als die gewohnte Ware im Supermarkt? Da gerade die armen Einwohner oft ungesund essen, hilft das Projekt also auch gegen Übergewicht, Diabetes und Bluthochdruck. Denn es halten mehr Gemüse und Kräuter Einzug in die Küchen der Favela, viele Anwohner kochen wieder mehr frisch. Dankbarkeit für den positiven Einfluss der landwirtschaftlichen Arbeit verbindet die Mitarbeiter, die Einwohner und die Behörden.
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