Lehrstunde in Landwirtschaft

Foto: Detlef Steinert

Unter dem Titel „Ganz schön vertrackt“ stand eine Informationsveranstaltung von CDU und Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) über die Landwirtschaft 2020 auf Gut Grashaus in Ratingen-Homberg. Das Motto hätte genauso lauten können: „Landwirtschaft – ganz schön komplex“. Denn auf dem Programm standen neben der politischen und gesellschaftlichen Realität die Herausforderungen und Perspektiven der Praxis. Der Abend wurde so für manche Anwesende zur „Lehrstunde über Landwirtschaft“, wie es der Bundestagsabgeordnete Peter Beyer in der Diskussion formulierte.

Die Lehrstunde eröffnete NRW-Umwelt- und Agrarministerin Ursula Heinen-Esser. Sie skizzierte anhand aktueller Themen, was an die Landwirtschaft he­rangetragen wird. Beispiel 1: Die Anforderungen an die Tierhaltung werden größer. Auf Bundesebene lägen die Ergebnisse der Borchert-Kommission vor, im Land habe man eine eigene Nutztierstrategie. Jetzt müsse man den Turn-around schaffen. Aber „wenn wir nicht bereit sind, für die Anforderungen an die Landwirte zu zahlen, macht das keinen Sinn“, stellte sie fest. Beispiel 2: Biodiversität. Für Heinen-Esser steht unzweifelhaft fest, dass es zwischen Insektensterben und Pflanzenschutz eine Beziehung gibt. Trotzdem stelle sie auch hier „Unsinnigkeiten“ fest. Damit „sind wir um 20 bis 30 Jahre in der Technologie zurückgefallen“, bewertete sie das Verbot von Neonicotinoiden zur Beizung von Rübensaatgut. Die Folge: Landwirte führen jetzt drei Mal mit der Spritze aufs Feld; ohne Verbot wäre vielleicht kein einziges Mal nötig. An die Verbraucher richtete die Ministerin einen Wunsch: „Haben Sie ein Herz für die Landwirtschaft!“ Den formulierte sie vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie und der Erkenntnis, dass es schwer sei, die Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten, „wenn Lieferketten erst einmal zusammenbrechen“.

Neue Aktion: Bunte Gabeln

Den Spagat, dem sich die Landwirte hinsichtlich der Wünsche der Bevölkerung gegenübersehen, erklärte Dr. Willi Kremer-Schillings, alias Bauer Willi, mit einem Wortspiel. Die Bürger wollten mehr Tierwohl, mehr Artenvielfalt und mehr Klimaschutz. Die Verbraucher würden sich dagegen „billig, billig, billig“ wünschen. Der Bauer soll „alle Wünsche erfüllen, bekommt sie aber nicht bezahlt“. Die Politik schließlich folge dem Bürger und damit dem Wähler. Als Beweis führte Kremer-Schillings das Agrarpaket der Bundesregierung an sowie die Farm-to-Fork-Strategie der EU-Kommission. Letztere beinhalte weitere für die Landwirtschaft drastische Ziele. Bauer Willi hat deshalb eine neue Website eingerichtet, erreichbar unter www.farm2fork.eu. Diese informiert über die  EU-Strategie und stellt Alternativen zur Diskussion. Außerdem startet Bauer Willi eine neue Aktion unter dem Titel „Bunte Gabeln“. Die leitet sich aus der Idee der „grünen Kreuze“ ab, macht aber deutlicher, dass Landwirte auf ihren Höfen (Farm) wirtschaften, damit Verbraucher etwas auf ihre Gabel (Fork) aufspießen können.

Junge Landwirte überzeugen

Weniger politisch ging es in den Beiträgen von Max Grashaus und Johannes Paas zu. Die beiden jungen Landwirte vermittelten vielmehr, wie viel Wissen notwendig ist, um als Landwirt erfolgreich zu arbeiten; und wie viel Innovation zur Verfügung steht, um effizienter, aber auch ressourcenschonender zu arbeiten. Grashaus stellte anhand seines eigenen Werdegangs dar, wie vielfältig Landwirtschaft und die Ausbildungswege sind. Der Beruf Landwirt sei mehr als nur „Trecker fahren“, er sei systemrelevant, hoch technologisiert und erfordere gut ausgebildete Fachkräfte mit viel Interesse und Fleiß; vor allem mache ihn aber eines aus: Leidenschaft.

Die gleiche Begeisterung ließ Johannes Paas spüren, der vorstellte, wie die Landwirtschaft sich die Digitalisierung zunutze macht. Ob Satellitenortung, Drohnen oder Robotik, technische Innovationen würden nicht nur dazu beitragen, den Landwirt von monotoner Arbeit zu entlasten; sie würden genauso helfen, Betriebsmittel einzusparen und Ressourcen zu schonen. Die Verknüpfung von Informationen würde zudem zu einer höheren Nachvollziehbarkeit bei der Lebensmittelerzeugung beitragen. Allerdings warnte er auch vor einem Missbrauch der Daten. Über die Daten müssten die Landwirte  selbst die Verfügungsgewalt behalten. ds