Liebe Leserinnen und Leser,

nach Jahren der Verhandlungen zwischen EU-Kommission, Agrarrat und EU-Parlament geht es sicher nicht mehr darum, dass irgendwer hofft, mit der künftigen Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik noch nach den Sternen greifen zu können. Große Ziele oder Ideen sind im Sinne von Kompromissen längst geschliffen oder auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geschrumpft. Hierzulande dürften sich die meisten Landwirte auch schon damit arrangiert haben, dass die Basis-Prämie geringer ausfällt als früher und sie zum Beispiel mit den Eco-Schemes zusätzliche Bedingungen erfüllen müssen, um die Zahlungen je Hektar aufzustocken. In der Tat raunt man sich in Brüssel nach der Sitzung des Agrarrats am Dienstag und am Mittwoch dieser Woche auch eher zu, wann es ein Ergebnis gibt „steht in dem Sternen“ (siehe Meldung unten). Dabei wird es höchste Eisenbahn. Zum Ende der Ratspräsidentschaft von Portugal sollte die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik durch sein. Doch der Trilog dauert an. Führt er bis Ende des Monats zu keinem Ergebnis und Portugal gibt den Stab an Slowenien ab, ist zu befürchten, dass schon abgearbeitete Themen wieder auf den Tisch kommen und sich das Ganze noch länger hinzieht. Für Europa und seine Bauern wäre das wahrlich keine Sternstunde.

Ob der Beutegreifer nach fast eineinhalb Jahrhunderten wieder einen festen Platz in einer mittlerweile völlig anderen Kulturlandschaft als damals bekommen soll, darüber scheiden sich die Geister. Hier die Halter von Nutztieren, die sich täglich der Natur stellen müssen und erleben, wie die trotz aller Technisierung die Menschen herausfordert, die in ihr leben. Dort Menschen, die Natur nur aus dem Fernsehen oder dem Stadtpark näher kennen und nur dann erleben, wenn sie selbst es wollen, weil das Wett so schön ist, weil man in der Stadt aufgrund Corona nichts unternehmen kann oder weil die Rapsfelder gerade so schön blühen; und die sich jederzeit in die Geborgenheit der eigenen Häuslichkeit zurückziehen können, wenn es in der Natur einmal ungemütlicher oder gar bedrohlich werden könnte, und seien es nur aufziehende Schlechtwetterwolken.

Aber, und das meinte ich mit neuer Nahrung, die Bedrohung kann auch den Menschen in den Städten gefährlich nahe kommen. So wie in der vergangenen Woche. Zwar gilt als sicher, dass sich der Wolf, der in der Nacht auf den 19. Mai in Köln gesichtet wurde und in der nördlichen Rheinaue möglicherweise vier Schafe gerissen hat (der genetische Nachweis steht bislang noch aus), einfach verirrt hat. Videoaufnahmen aus anderen Teilen Deutschlands belegen aber eindeutig, dass der Beutegreifer keine Scheu vor menschlichen Siedlungen hat.

Weder das noch die Tatsache, dass jedes gerissene Nutztier nicht nur einen finanziellen Verlust, sondern auch eine emotionale Belastung für seinen Halter bedeutet, hat Schauspieler Hannes Jähnicke in dieser Woche in seinem jüngsten Werk geflissentlich ausgeblendet. Seit einiger Zeit versucht er sich unter dem Titel „Hannes Jähnicke: im Einsatz für …“ als Dokumentarfilmer an Artenschutzthemen. Gibt er sich am Anfang des aktuellen Films, der am  Dienstag im ZDF ausgestrahlt worden ist, noch den Anstrich, zwischen Freunden und Gegnern des Wolfes vermitteln zu wollen, schlägt er sich immer unverhohlener und unkritischer auf die Seite derjenigen, die ohne Wenn und Aber den Wolf begrüßen und die Ursache für Übergriffe bei den Tierhaltern selbst ausmachen. So stellt Jähnicke schließlich die Systemfrage und misst der Landwirtschaft einen Großteil, wenn nicht gar die ganze Verantwortung zu: „Oder geht es darum, dass die Landwirtschaft, so wie wir sie kennen und derzeit betreiben, bald gegen die Wand fährt?“

Vielleicht kann man Jähnicke zugute halten, dass er es in seiner Karriere nie nach Hollywood geschafft hat und er auch nie den James Bond spielen durfte, ihm also der schauspielerische Nimbus eines Helden versagt geblieben ist. Ob ihn solch fragwürdige Beiträge allerdings zum Umwelthelden machen? Ich weiß es nicht. Mit seinem aktuellen Werk hat er jedenfalls gründlich danebengegriffen und die Kluft zwischen Wolfsbefürwortern und Wolfsgegnern keine Handbreit verringert. Auch das ZDF hat damit nichts dazu beigetragen, das Verständnis zwischen denen zu verbessern, die mit, in und von der Natur leben, und denen, die Natur vor allem aus der Kuschelperspektive wahrnehmen. Denkt man an den gedankenlosen Umgang mit der Natur derjenigen, die mangels anderer Gelegenheiten gerade ihr Freizeitheil vermehrt in Wald und Flur suchen, wäre das allerdings notwendiger denn je. Ich sage nur Müll im Feld, Kot auf der Weide oder Selfie im Rapsfeld.

Herzlichst

Ihr Detlef Steinert