Lockdown im Schlachthof

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Am Westfleisch-Schlachthof in Coesfeld wurden Hunderte Mitarbeiter positiv auf das neuartige Coronavirus getestet. Der Betrieb wurde geschlossen. Landesweit müssen nun 20 000 Schlachthofbeschäftigte zum Test.

Seit vergangener Woche wird der Schatten, den die Corona-Pandemie auf die Fleischwirtschaft wirft, immer dunkler. Zuerst wurden Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus bei Mitarbeitern des Unternehmens Müller-Fleisch in Birkenfeld in Süddeutschland gemeldet. Dann wurden Mitarbeiter des Vion-Schlachthofs in Bad Bramstedt positiv getestet. Mit dem Westfleisch-Schlachthof in Coesfeld ist nun auch die Fleischwirtschaft im Westen betroffen. Bis zum Redaktionsschluss der LZ am Dienstagnachmittag bestätigte der Kreis Coesfeld, dass von 1 012 Beschäftigten Proben genommen wurden, bei 260 war der Test positiv, 571 waren nicht infiziert, beim Rest standen die Ergebnisse noch aus.

Die Fälle in der Fleischwirtschaft haben auch die Politik auf den Plan gerufen. Sowohl der Landtag in Düsseldorf als auch der Bundestag in Berlin wollen sich noch dieser Woche (nach LZ-Redaktionsschluss) damit befassen. Dabei wird es nicht nur um aktuelle Infektionsfälle und darum gehen, ob die betroffenen Betriebe ausreichende Vorsorgemaßnahmen getroffen hatten und diese ausreichend kontrolliert worden sind. In die Debatte einbezogen werden dürfte auch die generelle Frage nach den Beschäftigungs- und Unterbringungsverhältnissen ausländischer Leiharbeiter in Deutschland. Nach Bekanntwerden der ersten Fälle folgte prompt Kritik seitens Gewerkschaften, Sozialverbänden sowie kirchlicher Vertreter.

Hieß es zu Mitte vergangener Woche, als die Zahl der bestätigten Infektionen noch unter 100 lag, der Schlachthof könne weiterarbeiten, stoppten die Behörden am Freitag darauf den weiteren Betrieb des Westfleisch-Schlachthofes. Bis dahin kletterte die Zahl der Infektionen auf weit über 100 und hatte die für Lockerungsmaßnahmen wichtige Maßzahl von 50 Neuinfektionen je 100 000 Einwohner überstiegen.

Den Eilantrag des Unternehmens gegen die Schließung lehnte das Verwaltungsgericht Münster am Wochenende drauf ab. Das Verwaltungsgericht stellte zur Begründung unter anderem fest, „dass es sowohl im Bereich des Zerlegebandes als auch in den Umkleiden Probleme gebe, den Mindestabstand von 1,50 m einzuhalten“; außerdem werde der zur Verfügung gestellte Mund-Nasen-Schutz „am Zerlegeband nicht korrekt getragen“. Die organisatorischen Vorsichtsmaßnahmen zur Eindämmung von Infektionen im Betrieb der Antragstellerin seien „unzureichend“ und „böten jedenfalls keinen hinreichend verlässlichen Schutz, Neuinfektionen zu verhindern, Infektionsketten zu unterbrechen und nachzuverfolgen“. Der Betrieb sei aufgrund „ersichtlich unzureichender Vorsichtsmaßnahmen … zu einer erheblichen epidemiologischen Gefahrenquelle nicht nur für die eigene Belegschaft geworden“. Die Nachteile für die Antragstellerin, führt das Gericht weiter aus, seien rein finanzieller Natur.

Seit dem Beschluss ruht der Betrieb. Die vorläufige Stilllegung ist bis einschließlich 17. Mai angeordnet. Voraussetzung für die Wiederinbetriebnahme ist aber ein umfassendes und schlüssiges Hygienekonzept. Das jedenfalls hat der für Arbeit, Gesundheit und Soziales zuständige Minister Karl-Josef Laumann in einer Stellungnahme gefordert. Umfassend meint nach seinen Worten nicht nur die Bedingungen am Arbeitsplatz, sondern genauso beim Transport dahin sowie in den Unterkünften der Beschäftigten. Westfleisch betont, auch bislang sei auf ein umfangreiches Hygienekonzept gesetzt worden, das „in jeglicher Hinsicht die gesetzlichen Regelungen erfüllt“. Für das Wiederanfahren sei ein stufenweises Vorgehen vorgesehen. Beispielsweise soll am Anfang mit einem geringeren Personaleinsatz weniger geschlachtet und zerlegt werden als im Regelbetrieb.

Einen Teil der Schlachtschweine, die infolge der Schließung nicht bei Westfleisch in Coesfeld geschlachtet werden konnten, konnten an ein anderes Unternehmen in Geldern vermittelt werden. Allerdings wären dessen Möglichkeiten wohl schon bald ausgeschöpft gewesen, weil die nach BImSch genehmigten Stückzahlen bereits Samstagmittag erreicht waren. Hier hätten, berichtet Dr. Frank Greshake von der Schweinevermarktung Rheinland, Staatssekretär Dr. Heinrich Bottermann sowie der Landrat des Kreises Coesfeld, Wolfgang Spreen, umgehend gehandelt und ausnahmsweise höhere Schlachtzahlen ermöglicht. Eine Frage, die die hiesige Fleischwirtschaft besonders bewegt, ist, wie es nun weitergeht. Ist mit der Sperrung weiterer Schlachthöfe zu rechnen? Immerhin hat das Land die Testung der rund 20 000 Beschäftigten an den Schlachthöfen in NRW verfügt; bei Marktführer Tönnies liefen die Massentests bereits am Montag an. Was passiert mit den Schlachtschweinen, die zu normalen Zeiten in Coesfeld angeliefert werden würden? Immerhin steht der Schlachthof für fast 30 % aller Schweineschlachtungen bei Westfleisch und knapp 15 % in ganz NRW. Die Branche erwartet, sollte es nicht möglich sein, diese Tiere umzulenken, drastische Folgen für die gesamte Erzeugungskette. Nicht nur die Schlachtviehpreise könnten weiter unter Druck geraten; auch Folgen für die gesamte Struktur in Erzeugung, Verarbeitung und Vermarktung werden befürchtet. Zu Redaktionsschluss ließ Westfleisch wissen, dass das Unternehmen zumindest weiterhin die Vertragsschweine abnehmen will. ds

Zum Thema haben wir auch Ministerin Ursula Heinen-Esser befragt. Ihre Antworten finden Sie hier.