Die friedlichen Proteste der Bauern sind auf großen Zuspruch in der Bevölkerung gestoßen. Ob sich Verbraucher allerdings darüber im Klaren sind, was die Landwirte eigentlich wollen und was das im Umkehrschluss für ihren alltäglichen Einkauf bedeutet, ist fraglich.
Ein Großteil der Bevölkerung steht hinter den Bauernprotesten. Das zeigen die Ergebnisse verschiedener Umfragen und das zeigen die Menschen auch den Landwirten. Bei den zahlreichen Protestaktionen der letzten Woche waren immer wieder Menschen zu beobachten, die an den Straßenrändern standen und zum Beispiel durch nach oben gereckte Daumen ihre Zustimmung ausdrückten. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Zum einen bringen die Landwirte aktuell das zum Ausdruck, was viele verspüren: Unzufriedenheit mit der Politik der Ampelkoalition. Wie Bauern eben sind, reden sie nicht lange um den heißen Brei herum, sondern handeln – wenn es sein muss, auch in Form der Bauerndemos. Diesen Protesten haben sich auch andere Gewerbe angeschlossen, wie beispielsweise das Transportgewerbe. Die Landwirte haben damit eine Welle ins Rollen gebracht, die sich schon länger angestaut hatte.
Was allerdings nicht bedeutet, dass diese Welle Zerstörung mit sich bringt. Denn die Bauerndemos sind in der Gesamtheit betrachtet sehr friedlich abgelaufen und wurden von dem Vorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, in einem Interview mit Welt TV als „mustergültiger Protest“ bezeichnet. Von den Bauern wurde stets darauf geachtet, Rettungswege frei zu halten. Das werden auch die Verbraucher bemerkt haben, die auf den Straßen unterwegs waren, und die durch Aktionen entstandenen Staus wurden gut toleriert.
Die Warnungen vor einer rechten Unterwanderung, die es im Vorfeld der Demos gab, sieht Rainer Wendt als einen Versuch an, die legitimen Proteste der Landwirte zu diskreditieren. „Es ist eine Frechheit, so mit anständigen Landwirten umzugehen!“, machte er deutlich. Viele Landwirte haben sich aufgrund dieser Gerüchte während ihrer Proteste ganz bewusst von rechts distanziert. Trotzdem versuchten Parteien wie die AfD, die Bauernproteste für sich zu nutzen, zum Beispiel indem Parteimitglieder am Rande der Demos für die eigene Partei warben. Im Wahlprogramm der AfD steht allerdings, dass die Partei sich gegen jegliche Art von Subventionen ausspricht. Ein Widerspruch in sich: Angeblich steht die AfD hinter den Bauernprotesten, ist aber gegen Subventionen wie die Kfz-Steuerbefreiung und die Agrardieselrückvergütung. Glücklicherweise sind die Landwirte nicht auf den Kopf gefallen und wissen, was von einer solchen Scheinheiligkeit zu halten ist: gar nichts. Dass Landwirtschaft bunt und nicht braun ist, ist mittlerweile wohl auch bei der Bevölkerung angekommen. Ein weiterer Pluspunkt für die Bauernproteste.
Ob die Bevölkerung die Demos auch noch so positiv sehen würde, wenn auf den Protestplakaten „Die Milch bei Aldi, Lidl, Rewe und Edeka muss teurer werden“ stünde statt „Die Ampel muss weg“? Denn im Endeffekt ist es das, was die Landwirte fordern: einen fairen Preis für ihre Produkte! Dann wären sie auch nicht länger auf öffentliche Gelder angewiesen. Ob diese Forderung wirklich ankommen würde, ist fraglich. Schließlich leistet das Kaufverhalten der Verbraucher einen großen Beitrag zur Unzufriedenheit der Bauern. Denn es ist leider keine Neuigkeit, dass die Ergebnisse von Verbraucherbefragungen und die tatsächlichen Entscheidungen am Regal nicht übereinstimmen. Statt – wie in Umfragen angegeben – auf Regionalität zu achten, wird doch gerne mal zu Produkten aus dem Ausland gegriffen, weil es günstiger ist.
Im Endeffekt wollen Landwirte und Verbraucher das Gleiche: ein gutes Leben führen. Für die Bevölkerung gehört dazu eine sichere und kostengünstige Versorgung mit Lebensmitteln. Für die Landwirte eine gerechte Entlohnung ihrer Leistungen – und zwar auch derjenigen, die sie bislang unentgeltlich für das Gemeinwohl erbringen. Dazu gehört nicht nur, Grundwasser zu schonen oder für Biodiversität zu sorgen. Dazu gehört auch, zur Stelle zu sein, wenn Katastrophen zu bewältigen sind, wie augenblicklich die Hochwasserlage in vielen Regionen Deutschlands.
Die Frage ist, wie sich die Bedürfnisse beider Gruppen, Verbraucher und Landwirtschaft, bestmöglich realisieren lassen. Denn wir stehen an einem Scheideweg. Entweder die Landwirte erhalten weiterhin staatliche Unterstützungen, damit Lebensmittel günstig bleiben können. Oder die Verbraucher müssen mehr zahlen. Fest steht, dass die Landwirte für ihre Leistungen honoriert werden müssen, egal ob direkt durch höhere Preise für ihre Produkte oder indirekt durch Zahlungen aus Steuergeldern. Wenn man sich das bereits beschriebene bisherige Kaufverhalten anschaut, kommen allerdings Zweifel auf, ob das Ganze ohne eine staatliche Umverteilung funktioniert. Nicht dass am Ende erst recht zu importierten Lebensmitteln gegriffen wird, weil der Preisunterschied zur heimischen Ware noch größer geworden ist und der Staat nicht für solche Leistungen zahlt, die Bauern kostenfrei für die Allgemeinheit erbringen.