Bio ist das Leitbild des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Laut einer aktuellen Studie soll diese Wirtschaftsweise weniger Umweltkosten verursachen. Eine Ausdehnung des Bio-Anbaus auf 30 % soll so bis zu 4 Mrd. € einsparen. Andere Wissenschaftler sehen die Umweltwirkungen nicht so positiv.
Die Studie von Prof. Kurt-Jürgen Hülsbergen von der Technischen Universität München kam zur rechten Zeit. Sie gab Bundesagrarminister Cem Özdemir und seiner Staatssekretärin Silvia Bender ordentlich Schützenhilfe und sorgte für Argumentationshilfen für den Debatten-Marathon auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin. Prof. Hülsbergen, Inhaber des Lehrstuhls für Ökologischen Landbau und Pflanzenbausysteme, hat anhand von Daten aus Pilotbetrieben im ganzen Bundesgebiet und Dauerfeldversuchen errechnet, wie viel weniger Umwelt- und Klimafolgekosten der ökologische Anbau verursacht. Herausgekommen ist eine beeindruckende Zahl: Bis zu 4 Mrd. € jährlich ließen sich einsparen, wenn der Ökoanteil an der bewirtschafteten Fläche einmal 30 % erreicht, also der Zielmarke, die sich die Bundesregierung für 2030 gegeben hat (siehe S. 11).
Mir liegen bislang nur Auszüge dieser Studie vor. So fehlen mir vor allem auf zwei Fragen hinreichende Antworten. Wie fällt die Rechnung aus, wenn der Ertragsabstand zu konventioneller Bewirtschaftung berücksichtigt wird und für die inländische Versorgung Importe nötig sind? Sind die dabei entstehenden Emissionen und der damit zusammenhängende Ressourcenverbrauch berücksichtigt? Mit diesen Fragen befasste sich kürzlich ein anderer Wissenschaftler. Der Agrarökonom Harald von Witzke, vormals Professor für internationalen Agrarhandel und Entwicklung an der Humboldt-Universität zu Berlin, hält die positive Einschätzung des Öko-Landbaus und von Maßnahmen, die wie der Green Deal eine Verringerung der Agrarproduktion nach sich ziehen, für „methodisch falsch“. Würde man die Klimagasemissionen der Landwirtschaft korrekt messen und die Konkurrenz um den immer knapperen Boden und die so verursachten weltweiten negativen Auswirkungen auf Biodiversität und Klima einbeziehen, ergäbe „sich eindeutig, dass eine durch Produktionswachstum und Innovation bestimmte Agrarproduktion zu bevorzugen ist“ (siehe LZ 3/2023). Stellt man von Witzkes und Hülsbergens Erkenntnisse gegenüber, steht es also unentschieden; denn beide sind anerkannte Wissenschaftler und man darf getrost davon ausgehen, dass jeder mit viel Sorgfalt die Grundlagen für seine Aussagen erarbeitet oder geprüft hat.
Ein Hin und Her in der Frage „Was ist denn nun besser – bio oder konventionell?“ gibt es seit vielen Jahren. Vor mehr als einem Jahrzehnt hatte die renommierte Stanford-Universität Hunderte Studien ausgewertet und ist zu dem Schluss gekommen, dass im Hinblick auf gesundheitliche Aspekte Lebensmittel aus Bio- und konventioneller Erzeugung in etwa gleichauf liegen. Auch die Stiftung Warentest kam vor Jahren nach vielen Produkttests zu dem Ergebnis, dass Bio-Kost „nicht besser ist als herkömmlich hergestellte Ware“. Seit diesen Veröffentlichungen kommt von den Verbandsoffiziellen des Bio-Landbaus regelmäßig der Einwand, Bio auf Gesundheitsaspekte oder Produktaspekte zu reduzieren, greife zu kurz, man müsse vor allem die Effekte auf Tierschutz, Böden, Artenvielfalt oder Klima berücksichtigen. Der Einwand ist berechtigt. In diesen Punkten hat der Bio-Anbau zweifelsohne eine Vorreiterrolle. Aber hat er dadurch ein Alleinstellungsmerkmal und rechtfertigt die Pionierleistung, dass der Bund immer mehr Geld in diesen Bereich pumpt? So will Bundesminister Cem Özdemir zukünftig 30 % der Forschungsmittel seines Hauses für den Öko-Landbau einsetzen.
Zielsetzungen wie die Artenvielfalt zu schonen und die Biodiversität zu erhalten, klimarelevante Emissionen zu verringern oder das Tierwohl zu erhöhen, sind nicht teilbar. Die Messlatte legt die Politik an ökologisch wie konventionell wirtschaftende Betriebe gleichermaßen an. Auch in dem zuletzt genannten Sektor haben die Landwirtinnen und Landwirte in den vergangenen Jahren viel dafür getan und sie wollen und sollen (Stichwort Tierhaltungskennzeichnung und Umbau der Tierhaltung, Reduzierung des Einsatzes von Düngemitteln und Pflanzenschutzmitteln) noch mehr tun. Damit sie das auch können, sollen öffentliche Forschungsgelder für den ökologischen Landbau gerne aufgestockt werden. Denn auch konventionelle Betriebe können sich von den Öko-Kollegen was abschauen. Andererseits haben die Nachholbedarf, was die Produktivität angeht. Darin sind sich sogar von Witzke und Hülsbergen einig. Mehr Geld für die Öko-Forschung darf daher nicht zulasten der konventionellen Forschung gehen. Landwirtschaft, die Zukunft hat, braucht nämlich das Beste aus beiden Welten.