Die Bundesregierung ist optimistisch. In den nächsten Jahren erwartet sie für die Berufsgruppe Landwirtschaft keinen Fachkräftemangel. Aber ist das nicht ein wenig blauäugig? Die Landwirtschaft bleibt in Sachen Fachkräfte weiter gefordert. Sie muss genügend Mitarbeiter finden und vor allem auch einiges tun, um sie zu halten.
Kein Fachkräftemangel erwartet. Das hört sich zuerst einmal gut an. Die Bundesregierung gibt jedenfalls Entwarnung in Sachen Fachkräfte. Mittelfristig wird es in der Landwirtschaft keinen Fachkräftemangel geben (siehe S. 10). Dabei beruft sich die Bundesregierung auf die Mittelfristprognose des Fachkräftemonitorings für das Bundesarbeitsministerium, wonach „bis zum Jahr 2027 keine Engpässe erwartet werden“. Zwar würden in diesem Zeitraum laut Prognose etwa 50 000 Erwerbstätige das Berufsfeld verlassen. Gleichzeitig würden aber ein leichter Arbeitsplatzabbau sowie Personen, die aus dem Bildungssystem oder aus dem Ausland in das Berufsfeld einsteigen, zu einem Ausgleich am Arbeitsmarkt für Erwerbstätige in der Landwirtschaft führen.
So sieht das die Bundesregierung, aber in der Praxis sieht es anders aus. Fakt ist, wir haben einen massiven Fachkräftemangel. Und das gilt nicht nur für die sozialen und handwerklichen Berufe, sondern macht auch vor der Landwirtschaft nicht halt. Die große Herausforderung auf dem Arbeitsmarkt ist dabei der demografische Wandel. Jedes Jahr haben wir ein Defizit. Das liegt in diesem Jahr bei 366 000 Arbeitnehmern und das dürfte in den nächsten Jahren auch noch weiter zunehmen. Damit nicht genug. Das Durchschnittsalter der Menschen, die insbesondere in der Landwirtschaft arbeiten, ist vergleichsweise hoch. Es heißt also für die Landwirtschaft, vor allem junge Menschen als Mitarbeiter zu gewinnen. Dabei konkurriert die Landwirtschaft mit anderen Branchen und muss ihnen etwas entgegensetzen. Das ist gar nicht so einfach, denn Homeoffice und eine 4-Tage-Woche, die viele Arbeitgeber inzwischen bieten, sind in der Landwirtschaft nun einmal nicht drin.
Klar, die Bezahlung muss stimmen. Mehr als Tariflohn ist angesagt, aber damit allein ist es nicht getan. Die Landwirtschaft muss ihren Mitarbeitern mehr bieten. Insbesondere die jüngeren Menschen wollen nicht nur eine gute Arbeitsstelle, sondern auch ausreichend Freizeit. Work-Life-Balance heißt hier das Stichwort. Bei der jungen Generation ist dies längst angekommen. Wichtig ist aber auch, dass das Thema Work-Life-Balance auch in der Landwirtschaft ankommt. Die landwirtschaftlichen Betriebe müssen die Wünsche ihrer Mitarbeiter stärker beachten und beispielsweise für Mehrarbeit, die gerade in Spitzenzeiten anfällt, hinreichende und attraktive Ausgleichsmöglichkeiten schaffen.
Überhaupt Fachkräfte oder Auszubildende für den landwirtschaftlichen Betrieb zu finden, ist nicht einfach. Aber hat man gute Leute gefunden, muss man alles daransetzen, dass diese auch bleiben. Dafür muss man wissen, was die Mitarbeiter wollen, wo sie der Schuh drückt. Kommunikation ist dabei angesagt. Und die landwirtschaftlichen Betriebe sind gefordert, ihren Mitarbeitern eine interessante Arbeitsstelle zu bieten. Sie können die Attraktivität unter anderem durch sogenannte Benefits steigern. Die Teilnahme an Fort- und Weiterbildungen oder der gemeinsame Besuch von Veranstaltungen, Feldtagen oder Ausstellungen tragen zu einem guten Betriebsklima und zur Bindung an den Betrieb bei. Dazu gehört aber auch, den Mitarbeitern Verantwortung zu übergeben.
Aber es müssen nicht immer die ganz großen Gesten sein. Mitarbeiter wünschen sich Anerkennung für ihre Leistungen und vor allem Wertschätzung ihrer Person. Dazu gehört auch, einfach mal „Danke!“ zu sagen. Es ist ein Zeichen von Wertschätzung und Respekt, wenn man das Mitarbeitern sagt, die wieder mal als Ersatz eingesprungen sind, besonders gute Arbeit geleistet haben oder vielleicht sogar eine tolle Idee hatte, die den Betrieb nach vorne bringt. Und auch Lob tut jedem Mitarbeiter gut. Es trägt wesentlich zur Motivation bei. Alle Seiten profitieren von motivierten Mitarbeitern, die sich mit ihrer Arbeitsstelle und dem Betrieb identifizieren.
Einen besonderen Vorteil in Sachen Mitarbeiter haben sicherlich die Ausbildungsbetriebe. Die eigenen Azubis sind häufig die besten zukünftigen Fachkräfte für den Betrieb. Während der Ausbildung können die Betriebsleiter den jungen Leuten genau zeigen, worauf es im Betrieb ankommt und wie man bestimmte Dinge macht. Noch sind die Ausbildungszahlen im Berufsfeld Landwirtschaft stabil und das sollte man nutzen. Weiterhin viel Zeit und Engagement in die Azubis zu investieren, das lohnt sich. Hier sollten die Betriebe unbedingt am Ball bleiben.
Mehr bieten ist angesagt
Dr. Elisabeth Legge