Mehr Chance als pure Notwendigkeit

Kathrin Fries

Gesellschaftliche Veränderungen üben zunehmend Druck auf Vereine und Verbände aus, sich mit dem Thema Ehrenamt neu zu befassen. Wo es lange als selbst-verständlich galt, sich zu engagieren, entstehen zunehmend Lücken, da die Lebensrealitäten vieler Menschen nicht mehr zu den Anforderungen einer ehrenamtlichen Tätigkeit zu passen scheinen. Doch es gibt auch Ideen, wie man Beruf, Familie und Ehrenamt vereinbaren kann, wie unter anderem die neue Führungsstruktur der LAG zeigt.

Es gibt wohl keinen Verein, der sich über zu viele Freiwillige beschwert, die mit anpacken wollen. Keine Interessengemeinschaft, die sich vor Helfern kaum noch retten kann, und keinen Verband, der größere Zettel für anstehende Wahlen benötigt, um alle Kandidaten unterzubringen. Schön wäre es, seufzen jetzt wohl viele. Denn gefühlt leben wir an allen Ecken und Enden in einem Mangel an Mitdenkenden, Mittragenden, Mithelfenden. Umso mehr Last liegt auf den tapferen Verbliebenen, die die Ehrenamtsfahne hochhalten. Und wer sein Engagement ernst nimmt, hat ja selten nur einen Posten. „Du kannst doch so gut mit Zahlen und wir bräuchten wirklich dringend einen Kassenwart …“. „Du hast den Ausflug mit der Pfadfindergruppe so toll vorbereitet, könntest du vielleicht auch beim Schulfest mit anpacken? Dir fällt das doch so leicht …“. „Wie sollen wir unseren Ortsverband nur ohne dich am Laufen halten, kannst du nicht trotz der Aufgabe als Vorsitzende im Musikverein noch ein Jahr dranhängen?“ Wer kann da schon Nein sagen? Um erst gar nicht in diese Verlegenheit zu kommen, lassen es wohl viele einfach direkt sein. Zumindest könnte man dieses Gefühl bekommen.

Doch statt zu jammern und sich im Selbstmitleid zu suhlen, können die Personalengpässe auch zu kreativen neuen Wegen führen. Dazu hat sich die Landesarbeitsgemeinschaft der Landjugend Nordrhein (LAG) entschieden. Thomas Decker war klar, dass er den Vorsitz abgeben will, auch aus Altersgründen. Florian Lemm – interessiert und durchaus fähig, aber im heimischen Betrieb so sehr eingebunden, dass es ihm allein zu viel wäre. In einer Doppelspitze mit Johanna Liesen wäre es für ihn denkbar; als dann in der Sitzung noch Thomas Genfeld dazukommt, ist das Dreamteam perfekt: sechs Schultern, auf die sich Verantwortung, drei Kalender, auf die sich Termine verteilen lassen. Dazu die räumliche und thematische Diversifizierung. Klingt fast zu schön, um wahr zu sein.

Sie sind sicher nicht die Ersten und werden wohl auch nicht die Letzten sein. Es ist durchaus keine Seltenheit, dass sich Strukturen ändern und an neue Gegebenheiten anpassen – dafür muss mit etwas Kreativität nicht mal die Satzung neu gestrickt werden. Was es aber braucht, ist ein offenes Ohr für die Bedürfnisse der Verantwortungsträger, um nicht an ihnen vorbei Veränderungen in die falsche Richtung, zu kurz oder zu weit voranzutreiben. Es braucht den Mut, Strukturen auszuprobieren und auch „im Tun“ anzupassen, wo es nötig wird, denn man kann nicht immer bis zum nächsten Wahljahr warten. Es braucht eine gute Kommunikation innerhalb der Führungsriege, mit den Mitgliedern und nach außen, damit Verantwortungen eindeutig und das Streitpotenzial gering bleiben. Und ein bisschen mehr gesellschaftliche Anerkennung schadet sicher auch nicht. Wobei, eigentlich sollte es nicht nur ein bisschen, sondern richtig viel sein. Denn wer sich unser Land einmal ohne die vielen Millionen Ehrenamtler vorzustellen versucht, wird schnell merken, dass das nicht geht.

Ja, es ist erfüllend, mit einem Ehrenamt Gutes zu tun. Ja, ein berufsnahes Ehrenamt kann eine wunderbare Ergänzung und von Vorteil für den eigenen Betrieb sein. Ja, es ist schön, einen Sinn in seinem Ehrenamt zu finden. Aber mehr als ein paar Euros Aufwandsentschädigung hier und da oder mal einen Applaus als Dankeschön könnten wir als Gesellschaft uns schon einfallen lassen, um dem Ehrenamt als Säule unseres Landes einen würdigen Rahmen zu geben. Ob Rentenpunkte (siehe S. 80) da das Richtige sind? Mein Vorschlag: Stellen Sie mal fest, wer in Ihrem Umfeld welches Ehrenamt hat, und hören Sie zu, was denjenigen bewegt. Sich nicht mehr als Einzelkämpfer zu fühlen, tut so gut, und echtes Interesse bei anderen ist dafür bestens geeignet. Denn auch wenn es nur für diesen einen Moment ist: Gemeinsam trägt sich Verantwortung besser!