Modern ist, was wirkt und sich rechnet

LZ-Chefredakteur Detlef Steinert

In der Öffentlichkeit wird Pflanzenschutz gerne als reine Chemie abgetan. Tatsächlich waren chemische Wirkstoffe über Jahrzehnte das Mittel der Wahl. Die Niederlande wollen nun den Einsatz bis 2030 weitgehend überflüssig machen.

Vergangene Woche stellte die Raiffeisen Warenzentrale (RWZ) ihre Bilanz für 2018 vor. Der Tenor: Trotz Dürre ist das Unternehmen gut über die Runden gekommen und auf Kurs. Sich bei weniger rentablen Geschäftsfeldern einzuschränken oder sich gar von ihnen zu trennen, um Kosten zu sparen und sich auf aussichtsreiche Segmente zu konzentrieren – diese Devise ist der Kern der Unternehmensstrategie PRIO und hat sich scheinbar ausgezahlt. Als aussichtsreich bezeichnete Vorstandsvorsitzender Christoph Kempkes bei dem Termin unter anderem die Landtechniksparte und das Kartoffelgeschäft. Perspektiven sehen er und seine Vorstandskollegen Joachim Rabe und Martin Schuldt aber auch im Bereich Saatgut. Während die Kölner Genossen bei Dünge- und Pflanzenschutzmitteln 2018 8 % beziehungsweise 10 % Umsatz eingebüßt haben, legten sie bei Saatgut 6 % zu. Für die RWZ ein Zukunftssegment. Die Begründung liegt auf der Hand. Die politischen Rahmenbedingungen werden immer schwieriger und die Einschränkungen für die Landwirte zusehends drastischer. Damit rückt immer mehr ins Blickfeld, was Landwirte über Fruchtfolge, Bestelltermine, Sortenwahl und vielem mehr alles tun können, um gesunde und ertragreiche Bestände zu bekommen.

Auch die Nachrichtenlage der vergangenen Woche, die diese Ausgabe der LZ Rheinland widerspiegelt, zeigt, wie rau der Wind mittlerweile weht. Da macht sich das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), eine nachgeordnete Behörde des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft und zuständig für die Erteilung von Zulassungen für Pflanzenschutzmittel, zu eigen, was das Bundesumweltministerium und sein ausführender Arm, das Umweltbundesamt gerne hätten. Die fordern, pro zehn ha landwirtschaftlicher Fläche, auf denen Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden, soll auf 1 ha komplett darauf verzichtet werden. Gesetz ist das längst nicht. Trotzdem hat das BVL mit Verweis da­rauf, dass dies kommen könnte, mindestens einem Pflanzenschutzmittelhersteller die Verlängerung einer Zulassung versagt (siehe S. 12).

Das Europäische Parlament, das gemeinsam mit Rat und Kommission die Leitplanken für die Zulassungsregeln in den europäischen Mitgliedstaaten vorgibt, ist gerade dabei, das Prozedere für die Genehmigung neuer Mittel und den Umgang mit den dafür erforderlichen Studien zu verschärfen. Ebenso wie die anhaltende Diskussion um den Insektenschutz macht das deutlich, wohin die Reise geht. Mehr Hürden (oder weniger Auswahl aufgrund eingeschränkter Zulassungen) bedeuten mehr Aufwand, mehr Aufwand bedeutet schließlich mehr Kosten. Hellhörig haben mich in der vergangenen Woche in dem Zusammenhang noch zwei weitere Meldungen gemacht. So haben Wissenschaftler der Universitäten in Göttingen und Lüneburg ermittelt, dass Landwirte unter dem Strich durchaus Kosten sparen können, wenn sie Vielfalt in ihrer Flur pflegen. Dann nämlich, wenn verschiedene Maßnahmen wie die Schaffung von Strukturelementen oder weitere Fruchtfolgen auch dazu beitragen, Unkraut- oder Schädlingsdruck zu reduzieren (siehe S. 8).

Ein ganzes nationales Programm aus der Erkenntnis, dass gesunde und ertragreiche Bestände nicht nur vom Einsatz chemischer Mittel abhängen, stricken jetzt unsere direkten Nachbarn, die Niederlande. Deren Landwirtschaftsministerin strebt an, bis zum Jahr 2030 den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln weitgehend überflüssig zu machen. Bahnbrechendes wird nicht zu erwarten sein. Im Grunde geht es darum, einen Teil des Erfahrungsschatzes unserer Väter und Großväter zu heben, diesen mit modernem Wissen (etwa in der Pflanzenzüchtung mit Methoden wie CRISPR/Cas) zu kombinieren und das mit moderner Technik auf dem Feld umzusetzen. Allerdings, das kostet zusätzlich. Weil Betriebsmittel wie Saatgut teurer werden dürften. Weil der Aufwand für die Bestandesführung, egal bei welcher Kultur, höher sein wird. Weil nicht jede Frucht in weiten Fruchtfolgen ausreichende Markterlöse bringt – so sie denn überhaupt marktgängig ist. Das Spannende an der niederländischen Vision liegt für mich daher vor allem in der Frage: Was tut wer, damit es sich für die Bauern rechnet und sie mitziehen? Ich habe jedenfalls noch nie einen Landwirt aus unserem Nachbarland getroffen, der nicht genauso, wie er mit Herzblut Ackerbau oder Viehhaltung betreibt, auch mit Leib und Seele Kaufmann ist.