Mütterlichkeit für alle

Kathrin Fries

Auch wenn am Sonntag offiziell die Mütter im Mittelpunkt stehen, so hat der traditionell am zweiten Sonntag im Mai begangene Muttertag doch auch für die gesamte Gesellschaft Bedeutung

 

Ein Blick in die Prospekte vom Lieblingslebensmittelhändler und seinen Mitbewerbern in allen Preissegmenten zeigt es deutlich. Blumen, Pralinen, alles Mögliche in Herzform wird da als Geschenkidee feilgeboten und das deutet hierzulande auf zwei Tage hin: Entweder steht Valentinstag oder Muttertag an. Da diesmal auch Pflanzen für draußen auf den rosa gestalteten Angebotsseiten zu finden sind, ist es eindeutig Letzteres.

 

Für viele gehört es einfach dazu, den ausgelobten Ehrentag zu nutzen, der eigenen Mutter oder der Mutter der eigenen Kinder etwas zu schenken – sei es selbst gedichtet, gestaltet, gebastelt oder etwas von den Angeboten der Supermärkte, Discounter und vielen anderen Verkäufern wie dem Baumarkt, der Bäckerei oder dem Floristen. Aus Tradition oder vielleicht auch, um nicht negativ aufzufallen? Mann und Kind wollen schließlich nicht, dass der Eindruck entsteht, Mama sei nicht wichtig!

 

Denn darum geht es doch, oder? Der Mutter zu danken für das, was sie tut. Gerne wird da­rauf hingewiesen, „was sie an den anderen 364 Tagen im Jahr tut“. Doch nicht nur auf landwirtschaftlichen Betrieben ist eigentlich jedem klar: Auch am Ehrentag selbst ist Mama nicht arbeitslos oder ohne Verantwortung. Denn spätestens, wenn am Abend oder Tag danach die letzten Aufräumarbeiten in der Küche anstehen oder die Rucksäcke für den Familienausflug gepackt oder ausgepackt werden müssen, wenn es darangeht, die Kindergarten- und Schultaschen für den Montag vorzubereiten, oder es bei den Kleinen ein Malheur gibt, ist eigentlich wieder alles wie immer im Familiengefüge. Dieses hat sich seit den Ursprüngen des Muttertags zwar gewandelt, von „Equal Care“, also der Gleichberechtigung bei der Sorgearbeit, sind die allermeisten Familien hierzulande aber auch heute noch ein gutes Stück entfernt.

 

So kitschig auch manches rund um den Muttertag sein mag, so deutlich macht er eben auch manchen gesellschaftlichen Punkt. Und da schließt sich der Kreis zu den Ursprüngen dieses Ehrentags. Zurück geht er nämlich auf Frauen- und Mütterbewegungen, zunächst in den USA, dann auch in Europa. Ab 1865 organisierte laut dem dazugehörigen Wikipediaeintrag die US-Amerikanerin Ann Maria Reeves Jarvis sogenannte Mothers-Day-Meetings, auf denen sich Mütter zu aktuellen Fragen austauschen konnten. Und das schon in Zeiten vor den heute bekannten Mumfluencern, wie die Influencerinnen mit entsprechendem Mumcontent in den sozialen Netzwerken unserer Zeit genannt werden. Welche Fragen damals die Mütter bewegten? Eine wurde explizit von Julia Ward Howe mit dem Muttersein verknüpft. Sie startete 1870 eine Initiative unter den Schlagworten Frieden und Mütterlichkeit und hatte das Ziel, dass die Söhne nicht mehr in Kriegen geopfert werden sollen. Bei der aktuellen Lage in der Welt ein Muttertagsaspekt, der leider wieder aktueller zu werden scheint.

 

Wie würde sich unsere Gesellschaft verändern, wenn wir nun das, was viele Geschenkekaufverweigerer gerne als Argument anführen, ernst nehmen und wirklich jeder Tag Muttertag ist? Wenn wir alle nicht nur einmal im Jahr Dankbarkeit zeigen für das, was Mama – oder andere sich mütterlich verhaltende Menschen – für uns tut? Wenn wir nicht nur an einem definierten Termin die Sorgearbeit übernehmen, uns mit kümmern und sagen: Bleib du sitzen, ich übernehme den Abwasch, das Organisieren, das Windelwechseln, die Besorgungen, das Streitschlichten …

 

Zur Mütterlichkeit, die am Sonntag gefeiert wird, gehört vieles und dieses Viele hat dazu noch viele Facetten. Sich zuständig zu fühlen, Verantwortung zu übernehmen, andere zu schützen und zu trösten, zu versorgen und zu fördern, wahrzunehmen und einzubeziehen ist nichts, was genetisch nur Frauen mit Kindern können. Jeder von uns kann diese Aspekte der Mütterlichkeit in sich entdecken. Das dann auch noch auszuleben, führt ziemlich sicher dazu, dass wir tatsächlich das ganze Jahr über dankbarer sind für das, was unsere Mutter tut. Und es könnte auch zu einem gravierenden gesellschaftlichen Wandel führen. Eine spannende Vorstellung, die es auszuprobieren lohnt!

 

Es muss ja nicht gleich zu einem weltweiten Matriarchat kommen. Laut der TU Dresden wäre dafür die Insel Orango vor Guinea-Bissau ein Beispiel. Die Machtverhältnisse dort seien maßgeblich durch die ungleiche Verteilung von Arbeit geprägt. „Wir Frauen arbeiten von sechs Uhr morgens bis spät in die Nacht. Das verleiht uns viel Macht“, zitiert die TU in einem Online-Beitrag über die Macht der Frauen. Weil sie einen wesentlich größeren Anteil an Arbeit leisten, würden auf Orango Frauen als das starke Geschlecht betrachtet. Wenn es so bei uns zugehen würde, wären aber nicht nur die Frauen in der Hierarchiepyramide deutlich weiter oben als jetzt, sondern auch die Selbstständigen in der Landwirtschaft, die über eine tarifliche 35-Stunden-Woche nur müde schmunzeln können. Gerade jetzt, wo es dank Wetter, Jahreszeit und Stichtagen auf dem Feld und im Büro mehr als genug Arbeit gibt. Dann würde vielleicht auch die Wertschätzung für die Landwirte, Landwirtinnen und Landfrauen so sichtbar gemacht werden und den Stellenwert bekommen, den heute der Muttertag hat. Man darf ja mal träumen …