„Nehmt das Virus nicht auf die leichte Schulter!“

Foto: Silke Bromm-Krieger

Maxi Köhler infizierte sich mit dem Coronavirus. Eine Erfahrung, die auch Spuren in ihrer Seele hinterließ. Hier erzählt sie ihre Geschichte.

Maxi hat mich zu sich in die Wohngemeinschaft eingeladen. Das Gespräch findet in der Küche der Altbauwohnung mit Abstand statt. Das Fenster bleibt geöffnet, ein Mund-Nasen-Schutz ist Pflicht. „Gerade wir jungen Menschen sollten das Coronavirus nicht auf die leichte Schulter nehmen. Es betrifft nicht nur ältere Leute“, weiß die 21-Jährige. Im Sommer 2020 erkrankte die Studentin der Politikwissenschaften selbst daran. „Im August unternahmen mein Freund Marcello, der in Hamburg wohnt, und ich eine Radtour von Berlin nach Prag. Wir übernachteten unterwegs auf Campingplätzen und achteten immer da­rauf, genügend Abstand zu anderen zu halten“, blickt sie zurück. Am letzten Wochenende ihrer Reise checkten Maxi und Marcello in ein Prager Hotel ein. Von dort wollten sie mit dem Zug zurück nach Hamburg fahren. „Da fühlten wir uns schon schlapp. Aber wir dachten, das ist ja kein Wunder. Immerhin hatten wir über 450 km mit dem Rad zurückgelegt.“

An ihrem Zielbahnhof in Hamburg-Altona nahmen sie das Angebot wahr, sich als Reiserückkehrer aus dem Ausland in einer mobilen Teststation auf Corona testen zu lassen. Nach zwei Tagen sollte das Ergebnis vorliegen. „Als wir in Marcellos Wohnung waren, stellten wir fest, dass er Fieber hatte. Ich blieb noch eine Nacht bei ihm, fuhr anschließend zu meinem Wohnort weiter. Am nächsten Morgen rief mein Freund an. Er hatte ein positives Testergebnis erhalten. Mein Ergebnis war negativ.“ Doch nur wenige Stunden später ahnte Maxi, dass sie sich ebenfalls mit dem Virus angesteckt hatte. Sie bekam starke Rücken- und Gliederschmerzen und Fieber, hatte schlimmes Halsweh und Kopfschmerzen. Ihre WG-Mitbewohnerin verließ daraufhin sicherheitshalber die Wohnung. Nun war Maxi auf sich gestellt. Sie wollte einen zweiten Corona-Test und meldete sich bei ihrem Hausarzt und offiziellen Stellen. Aber niemand fühlte sich dafür zuständig, diesen Test zu veranlassen. Erst als klar war, dass sie nachweislich mit einem Corona-positiv-Getesteten Kontakt gehabt hatte, kam Bewegung in die Sache.

Mehr in LZ 10-2021 an S. 64

Nachgefragt – Sich Hilfe holen

Wir haben mit Diplom-Psychologin Svenja Lüthge über die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Zeiten von Corona gesprochen.

Frau Lüthge, nehmen junge Menschen das Virus zu leicht?

S. Lüthge: Nein. Sie sprechen in meiner Sprechstunde vermehrt über Zukunftsängste, Einsamkeit und Konflikte in der Familie. Wir sollten bedenken, dass sie in eine heile Welt hineingeboren wurden. Sie haben noch keine lebensbedrohliche Krise erlebt. Sie sind jung, wollen leben und Spaß haben. Das ist normal. Dennoch erlebe ich sie als rücksichtsvoll. Sie haben verstanden, dass wir an einem Strang ziehen müssen.

Wenn Corona Kindern und Jugendlichen seelisch zu schaffen macht, was können sie dann tun?

S. Lüthge: Sich professionelle Hilfe holen. Und das nicht nur, wenn sie erkrankt sind oder waren. Auch so kann die jetzige Situation traurig und verzweifelt machen. Es fehlt die Nähe zu anderen Menschen, zu Mitschülern und Freunden. Wenn man sich länger als 14 Tage bedrückt fühlt, sich immer mehr zurückzieht und energielos ist, sollte man keine Scheu haben, Unterstützung zu suchen. Dies gilt auch, wenn man feststellt, dass einen ein Gespräch mit Freunden nicht weiterbringt.

An wen sollten Betroffene sich wenden?

S. Lüthge: Erster Ansprechpartner ist der Hausarzt. Der stellt bei Bedarf eine Überweisung für eine Psychotherapie aus. Die Krankenkasse übernimmt dann die Kosten. Wichtig ist, nach zugelassenen psychologischen Psychotherapeuten zu suchen. Nur diese können über die Kasse abrechnen. Eine Liste der psychologischen Psychotherapeuten am eigenen Wohnort gibt es bei der Krankenkasse oder im Internet. Für eine Erstberatung können sich Jugendliche ebenfalls an die Nummer gegen Kummer, die auch eine Online- und E-Mail-Beratung anbietet, oder den Kinderschutzbund wenden. Alle Berater unterliegen der Schweigepflicht. Zudem besteht die Möglichkeit, sich mit seinen Sorgen an einen Pfarrer oder eine Pastorin zu wenden.

Was empfehlen Sie Eltern, die beobachten, dass es ihrem Kind psychisch nicht gut geht?

S. Lüthge: Gemeinsam im vertrauensvollen Gespräch zu bleiben. Sie können ihren Sohn oder ihre Tochter in die Hausarztpraxis begleiten und sie dabei unterstützen, einen Beratungstermin zu vereinbaren. Ebenso gibt es für eine Erstberatung das Elterntelefon mit der Nummer 08 00/1 11 05 50 (montags – freitags 9 bis 17 Uhr, dienstags und donnerstags zusätzlich bis 19 Uhr). Hier finden Eltern ein offenes Ohr bei allen familiären Problemen und Sorgen.    

Silke Bromm-Krieger