Was für ein Jahr! 2022 dürfte den Milcherzeugern noch lange in Erinnerung bleiben. Kein Wunder, denn das vergangene Jahr hat ihnen Rekordpreise für ihr Produkt beschert. Inzwischen purzeln aber die Erzeugerpreise wieder. Und nicht nur dies drückt auf die Stimmung der Milcherzeuger.
Erinnern wir uns: Im vergangenen Jahr kannten die Preise für Milch- und Milchprodukte nur eine Richtung, und zwar nach oben. Die deutschen Milcherzeuger konnten sich über historisch hohe Milchpreise freuen. Der Blick auf den AMI-Milchpreisvergleich 2022 in dieser LZ-Ausgabe zeigt es. Mal ehrlich: Wer hätte es je für möglich gehalten, dass in manchem Monat sogar die 60-Cent-Marke bei der Milch überschritten wurde? Klar, der eine oder andere hatte davon geträumt, aber wirklich gerechnet haben die Milcherzeuger mit den Traumpreisen wohl kaum. Aber es kam anders: Eine begrenzte Rohstoffmenge in Deutschland und Europa ließ die Milchpreise regelrecht in die Höhe schießen. Allein in Nordrhein-Westfalen wurde im Jahr 2022 der Vorjahresmilchpreis um 16,9 Cent übertroffen und stieg auf 54,04 Cent an. Eigentlich unglaublich, aber wahr.
Wie heißt es allerdings so schön: Der Feind hoher Preise sind hohe Preise. Die guten Milchpreise haben viele Milcherzeuger veranlasst, mehr Milch zu produzieren. Und mehr Milch bedeutet auch niedrigere Preise. Seit einigen Monaten bezahlen die Molkereien den Landwirten deutlich weniger für ihre Milch. Die Erzeugerpreise haben – wenn man so sagen darf – wieder ein normaleres Niveau erreicht. Aber insgesamt ist die Milcherzeugung doch von Normalität weit entfernt.
So waren die Milcherzeuger wie auch alle anderen Landwirte im vergangenen Jahr mit überbordenden Kosten konfrontiert bei Energie, Diesel und Düngemittel. Außerdem mussten die Tierhalter für Futtermittel tiefer in die Tasche greifen. Die Kostensituation ist zwar inzwischen besser geworden, aber die Kosten sind nach wie vor hoch. Das sorgt für Frust bei den Milcherzeugern und ihren Familien. Und insbesondere politische Unwägbarkeiten und auch die gesellschaftlichen Anforderungen an die Tierhalter machen den Milchbauern zu schaffen.
Von einer großen Investitionsbereitschaft in der Milchviehhaltung kann jedenfalls keine Rede sein. Grund für das geringe Wachstum dürften die steigenden Auflagen in Sachen Klimaschutz, Nachhaltigkeit sowie Tierwohl sein. Hinzu kommt die Unsicherheit über die politischen Rahmenbedingungen. Die Milcherzeuger wissen einfach nicht, was auf sie in Sachen Transformation in der Tierhaltung wirklich zukommt. Nach wie vor unklar ist, was mit dem von Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir eingeführten fünfstufigen Kennzeichnungsmodell auf die rinderhaltenden Betriebe zukommt.
Regelrechtes Kopfschütteln hat in der Milchbranche das von Özdemir geplante Werbeverbot für Milch und Käse hervorgerufen. Dabei ist doch gerade die Milch eines der gesündesten Lebensmittel überhaupt. Aber vielleicht muss man das den Verbraucherinnen und Verbrauchern noch stärker bewusst machen. Immerhin ist der Konsum von Milch und Milchprodukten in Deutschland seit Jahren rückläufig. Möglicherweise tragen die jetzt sinkenden Preise im Laden dazu bei, dass wieder mehr zur Milch gegriffen wird. Aber Fakt ist auch, dass gerade junge Verbraucherinnen und Verbraucher verstärkt die sogenannten Milchimitate bevorzugen. Gerade diese Generation gilt es also wieder für das Nahrungsmittel Milch zu begeistern. Und hier ist die gesamte Milchbranche, und zwar nicht nur die Branchenkommunikation Initiative Milch gefordert, mehr für das tolle Lebensmittel Milch und Milchprodukte zu werben. Dazu muss möglicherweise auch mehr Geld in die Hand genommen werden. In jedem Fall heißt es, weiter für die Milch zu trommeln und zu werben, denn anscheinend sprechen die Vorzüge von Milch und Milchprodukten längst nicht mehr genug für sich selbst.
Und weiterhin gefordert ist die Politik. Die Milchviehbetriebe nicht nur im Rheinland sind zum Transformationsprozess bereit. Aber um hier weitere Schritte gehen zu können, muss dies für die Betriebe, die in der Regel von Familien geführt werden, auch zeitlich umsetzbar und finanziell leistbar sein. Die Landwirtschaft braucht eine verlässliche Politik und vor allem keine überbordenden Auflagen. Das könnte den Strukturwandel bremsen und nicht nur in der Milchviehhaltung viele junge Leute motivieren, die Hofnachfolge anzutreten. Darüber sollte sich die Politik im Klaren sein und entsprechend handeln.