Ohne Tiere geht es nicht

LZ-Chefredakteur Detlef Steinert

Die Diskussion über Teller oder Trog wird derzeit auch von der Sorge um die Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln befeuert. Teile der beiden großen Kirchen schlagen sich eindeutig auf eine Seite. Dabei sollte gerade ihr Anspruch als moralische Instanz dafür sorgen, das Thema differenzierter zu betrachten.

Aktuell kursiert eine Kalkulation im Internet, derzufolge ein Großteil der Fleischerzeugung in Deutschland für die Ernährung von Haustieren gebraucht wird. Rund 20 % sollen Katzen und Hunde beanspruchen. Wenn ich das Fressverhalten meiner Tiere und die Zusammensetzung ihres Fressens zugrunde lege, komme ich auf eine andere Zahl. Dann lande ich bei 16,7 Mio. Katzen und 10,3 Mio. Hunden, die laut Statistik 2021 in Deutschland gehalten wurden, bei knapp 1,75 Mio. t an Fleisch beziehungsweise Nebenprodukten der Schlachtung; rund 600 000 t weniger, als die eingangs erwähnte Rechnung veranschlagt. Egal, welcher Wert näher an der Wahrheit ist, bei einer Gesamterzeugung von knapp 7,5 Mio. t Fleisch in Deutschland im Jahr 2021 sind es jedenfalls stattliche Mengen, die in die Näpfe der Fellnasen und Kuscheltiger wandern. Doch woher kommt die Differenz? Sie liegt wohl einfach daran, welchen Fleischanteil man in den Rezepturen unterstellt, denn auch Heimtierfuttermittel enthalten oft nennenswerte Mengen pflanzlicher Bestandteile. Bei meinem Hund sind es neben Reis und Hafermehl vor allem Haferschälkleie und entzuckerte Rübentrockenschnitzel. Das hat auch damit zu tun, dass Nebenprodukte der Lebensmittelindustrie so eine sinnvolle Verwertung finden und die Hersteller einen Preisvorteil haben.

Das Prinzip kennt man aus der Nutztierfütterung. Was für die menschliche Ernährung nicht direkt taugt, findet über den Tiermagen noch Verwendung. Ein Paradebeispiel für Nachhaltigkeit. Doch die wird gerade der Nutztierhaltung zunehmend abgesprochen. Erst wurde die Kritik an der Nutztierhaltung und tierischen Lebensmitteln fast nur von der Warnung befeuert, dass der Verzehr von Fleisch oder Eiern gesundheitliche Risiken habe. Später folgte der Vorwurf, dass Importe von Futtermitteln für die Abholzung von Regenwäldern oder dafür verantwortlich seien, dass ortsansässigen Bauern Land weggenommen wird. Die Klimadiskussion führt als weiteres Argument schließlich an, dass die Nutztierhaltung zu viel klimaschädliche Gase produziere. Der russische Angriff auf die Ukraine und die dadurch ausgelöste Versorgungsunsicherheit beleben nun auch die Teller-Trog-Diskussion wieder.

Hier machen sich Vertreter von katholischer und evangelischer Kirche für den Abbau der Tierbestände und zugunsten einer veganen Ernährung stark. Solche Töne sind viele Bäuerinnen und Bauern von NGOs wie Greenpeace gewohnt. Dass Kirchenvertreter gegen sie und ihre Arbeit Stellung beziehen (siehe S. 14), irritiert bis erbost die Bauernfamilien jedoch. Den Kirchen droht so, auch auf dem Land an Rückhalt zu verlieren. Sieht man von punktuellem Versagen in den eigenen Reihen ab, haben die großen Kirchen nach wie vor den Anspruch zu versöhnen, in gesellschaftlichen Debatten auch mal den Finger zu heben sowie Impulse geben und an ethische Fragestellungen erinnern zu wollen.

Statt dem Mainstream nachzurennen, sollten die Kirchen bei diesem Thema genauer hinschauen und mit ihrer restlichen moralischen Autorität in der Debatte folgende Aspekte deutlich machen: den Landwirtinnen und Landwirten, dass die Gesellschaft Ansprüche an die Nutztierhaltung hegt, über die sie nicht hinweggehen kann; den Mitbürgern, dass die landwirtschaftliche Tierhaltung sich seit Jahren auf dem Weg zu noch mehr Tierwohl und Achtung vor dem Mitwesen befindet, dass sie mit den Lasten aber nicht alleingelassen werden darf. Zu meinem christlichen Verständnis gehört allerdings auch, das Wohlergehen der Menschen nicht hinter das der tierischen Mitgeschöpfe zu stellen. Ob die Fürsprache für eine vegane oder nahezu pflanzliche Kostform damit vereinbar ist, ist nur in Teilen eine theologische Frage. Es ist vielmehr eine Frage von Vernunft und Ethik. Was ist sinnvoll, was ist vertretbar: Verschwenden oder verwerten? Laut Prof. Dr. Wilhelm Windisch, Experte für Tierernährung, fallen bei der Erzeugung von 1 kg veganer Lebensmittel 4 kg für den menschlichen Verzehr nicht geeigneter Biomase an. Über den Fressnapf von Bello und Maunzi lässt sich vielleicht ein Teil nutzen. Wohin wandert allerdings der Rest? In die Tonne? Oder doch besser in den Trog? Denn dort schließt sich der Kreislauf (anders als bei der Verfütterung an Heimtiere) und es entstehen wieder Nahrungsmittel für den menschlichen Verzehr. Wer Nachhaltigkeit und Versorgungssicherheit will, muss also wissen: Vegan geht auch ohne Nutztiere nicht – es sei denn, man nimmt Verschwendung billigend in Kauf.