Ohne Urwald in den Trog

Foto: Dr. Frank Greshake

Was es mit entwaldungsfreiem Soja auf sich hat, erklärt und kommentiert Dr. Frank Greshake, Landwirtschaftskammer NRW

Nicht nur Schweinehalter werden sich in Zukunft mit einem neuen Thema ausei­nan­dersetzen müssen: „Entwaldungsfreies Soja“! Unternehmen wie Aldi oder REWE fordern die Schlachtbetriebe auf, ihre Lieferanten auf die Fütterung mit Soja umzustellen, für das kein Urwald gerodet worden ist. Die Forderung ist bei der Mischfutterindustrie vor einem Jahr aufgetaucht und wird dort durchaus ernsthaft diskutiert.

In einem Schreiben an die Lieferanten nennt Aldi zehn Zertifizierungsunternehmen, deren Audits anerkannt werden. Welchen Marktanteil im Bereich Sojaschrot diese Audits abdecken, ist nicht gänzlich klar. Er dürfte aber bei etwa 80 % liegen. Auffällig ist, dass die Forderung nach „entwaldungsfreiem Soja“ nicht nur für Geflügel, Eier und Schwein, sondern auch für Rindfleisch aufgestellt wird. Letzteres stammt bekanntlich zur Hälfte von Färsen und Milchkühe, die ohnehin weitestgehend gentechnikfrei mit Rapsschrot gefüttert werden. Und in der Jungbullenmast ist Sojaschrot eher selten ein Thema – mit Ausnahme von Bayern.

Richtig informiert?

So ganz auf der Höhe der wissenschaftlichen Erkenntnis ist die Argumentation des Lebensmittelhandels nicht. So äußern Aldi Süd und Aldi Nord in einem gemeinsamen Schreiben: „Mehr als 80 % des weltweit angebauten Sojas werden zu Futtermittel verarbeitet. Für die Ausweitung der Ackerflächen werden immer noch riesige Wald- und Savannenflächen umgewandelt.“ Als Quelle wird der WWF Deutschland (World Wildlife Fund for Nature) genannt. Besser hätte man sich wahrscheinlich bei der deutschen Mischfutterindustrie informiert. Denn Soja ist laut botanischer Definition eine Ölpflanze und wird wegen des Sojaöls angebaut. Der wirtschaftliche Wert von Soja beruht also nicht nur auf dem Schrot, sondern eben auch auf dem Ölgehalt. Das Schrot muss bekanntlich erst einmal getoastet werden, um die Trypsininhibitoren zu degenerieren. Würden wirklich die Urwälder allein wegen des Futtermittelanbaus gerodet, sollte man wohl alles andere anbauen, aber kein Soja. Es muss hier auch nicht weiter diskutiert werden, dass die europäischen Sojaimporte am weltweiten Handel nur noch einen Bruchteil ausmachen. Ärgerlicher ist schon, dass die Urwälder in Brasilien auch der boomenden Bioenergieproduktion zum Opfer fallen. Denn Bioethanol, zum Beispiel aus Zuckerrohr gewonnen, wird dem Autosprit beigemengt.

Zertifiziert „entwaldungsfrei“

Bei den Ölen für den menschlichen Konsum spielt „entwaldungsfrei“ auch kaum eine Rolle. Auf telefonische  Nachfrage bei Aldi Süd wurde mitgeteilt, dass die Salatöle für den menschlichen Verzehr weitgehend aus dem Sojaanbau in den USA stammen. Sie wären damit per Definition „entwaldungsfrei“. Wenn dem so ist, warum steht „entwaldungsfrei“ dann nicht ohnehin auf der Salatölflasche? Während bei Bioenergie in Südamerika und bei Speiseöl das Thema weniger diskutiert wird, soll es die Fleischproduktion also mal wieder ausbaden.

Soja aus europäischem Anbau wird zwar mehr, aber kann auf Jahre hi­naus nur einen minimalen Teil der in Europa benötigten Mengen liefern. Rapsschrot wäre und ist auch eine Alternative, wird aber für die gentechnikfreie Milch benötigt. Auf andere Eiweißträger pflanzlicher Herkunft auszuweichen, ist kurz- und mittelfristig kaum möglich. Ein zu hoher Einsatz von Erbsen oder Bohnen verschlechtert die Futterverwertung. Wenn Speisereste und die Abfälle der Schlachtindustrie noch in die Fütterung von Geflügel und Schwein wandern dürften – Letzteres soll ja kommen –, wäre dem Problem auch schneller beizukommen.

Unbekannt – und da muss auch die Schlachtindustrie ihren Abnehmern im LEH argumentativ auf die Sprünge helfen – scheint auch zu sein, dass der Sojaanteil in den Rationen in den letzten Jahren auch aus Gründen des Düngerechts drastisch um etwa 40 % zurückgenommen und teils durch synthetische Aminosäuren ersetzt wurde. Den Weg könnte man fortsetzen, wenn nicht die ständig rückläufige N-Düngung die Qualität des Getreides mindern würde. Schon gibt es Stimmen aus dem internationalen Getreidehandel, dass sich Deutschland in den nächsten Jahren aus der Qualitätsgetreideproduktion verabschiedet.

Trotz allem werden Sojaimporte mit Zertifikat „entwaldungsfrei“ an Bedeutung gewinnen. Speziell bei der jungen Generation ist das ein Thema. Billiger wird das Sojaschrot dadurch nicht. Selbst wenn „entwaldungsfreies“ Sojaschrot ausreichend zur Verfügung steht, die Organisation der Logistik sowie deren Kontrolle kosten Geld. Damit nicht jeder Tierhalter bei seinem Futtermittellieferanten nachfragen muss oder jeder Schlachtbetrieb bei seinem Lieferanten, nimmt sich nun QS des Themas an. Erste Gespräche mit der Futtermittelindustrie sind geführt, auch unter Beteiligung der Berufsvertretungen. Neben „gentechnikfrei“ noch eine zusätzliche Debatte zu „entwaldungsfrei“ zu führen, das sollte unbedingt verhindert werden. Viel spricht nach aktuellem Stand dafür, dass zur QS-Zertifizierung der Futtermittelindustrie ab Jahresanfang 2022 eben auch das Zertifikat „entwaldungsfreies Soja“ gehört. Kosten für den Landwirt: 10 bis 15 Cent je dt Sojaschrot. Ob die dann der Verbraucher finanziell honoriert, ist erst einmal offen. Wie so vieles, was oben gefordert und unten bezahlt wird. Keine ganz neue Diskussion!