Auf europäischer Ebene wird mal wieder über die GAP diskutiert. Diesmal, wie man die Bürokratielast reduzieren kann. Ein hehres Ziel der Europäischen Kommission, dem sicher keiner widersprechen würde. Doch hat nicht alles auch seine Schattenseiten?
Wenn Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir sich zitieren lässt, dass Landwirte nicht am Schreibtisch sitzen wollten, ist das eine Binsenweisheit. Denn wer tatsächlich gerne Schreibtischtäter ist, entscheidet sich sicherlich für eine der vielen anderen Ausbildungsmöglichkeiten, die in Deutschland zur Verfügung stehen. Da wäre schon in der Lehre mehr zu verdienen, kaufmännische Fachkräfte sind gefragt und haben – je nach Arbeitgeber natürlich – auch in Bezug auf Arbeitszeit und vor allem Planbarkeit den landwirtschaftlichen Praktikern etwas voraus. Dass sich junge Leute also trotzdem für eine Karriere in den grünen Berufen entscheiden, liegt ziemlich sicher an der Arbeit abseits des Schreibtisches. Das Gefühl ist aber auch einfach zu schön: den Duft der Rapsfelder oder des frischen Heus in der Nase, in der Hand die Ernte des Anbaujahres, das zufriedene Muhen der Kühe zum Feierabend oder die Schweinenase am Bein, die einen anstupst.
Und dann wacht man auf und weiß: Heute ist Bürotag. Da kann mir keiner sagen, dass das die Laune hebt! Selbst für Geübte sind die Formulare, die es auszufüllen gilt, eine Herausforderung. Und an wen man da was alles melden, welche Daten alle sammeln und welche Nachweise erbringen muss … Wenn dann einer kommt – wie jetzt die EU-Kommission – und Erleichterungen verspricht, kann man das kollektive Aufatmen der Branche hören: Endlich wird gesehen, was wir alles nebenbei leisten müssen! Endlich gibt es eine Chance, wieder mehr von dem zu tun, wofür man den Beruf eigentlich gewählt hat!
Einfach alle Bürokratie über den Haufen zu werfen, ist allerdings auch keine gute Idee. Wie heißt es so schön? Jedes Schild hat seine Geschichte – und das gilt auch für Regelungen. Wenn kein Landwirt europaweit auf die Idee kommen würde, sich durch Fördermittel einen unberechtigten Vorteil zu verschaffen, würde man mit deutlich weniger Papierkram auskommen. Und wenn man aktenordnerweise Dokumentationen für mögliche Kontrollen bereithalten muss, dann nicht, weil die Kontrolleure nichts anderes zu tun hätten, sondern weil es eben doch schwarze Schafe gibt.
Wie früher auf europäischer Ebene die Gurkenform vorgegeben war, ist eines der viel zitierten Beispiele für Bürokratiemonster und Reglementierungswut. Und ja, der Geschmack hängt nicht am Krümmungsgrad. In einer Gemeinschaft, in der es aber keinerlei Anhaltspunkte gibt, an denen sich alle orientieren müssen, bricht das Chaos aus. Wenn Joachim Rukwied – in diesem Fall bezogen auf GLÖZ 8, aber durchaus übertragbar auf anderes – fordert, dass die deutschen Bauern eine Entscheidung brauchen, die ihnen die gleichen Voraussetzungen wie anderen Landwirten in der EU sichert, zeigt das, wofür Regelungen gut sind: Sie sind Spielregeln, um im besten Fall für Chancengleichheit und Gerechtigkeit zu sorgen.
Um im Bild zu bleiben: Es gibt tatsächlich Brettspiele, bei denen man schon mal gut eine Stunde damit verbringen kann, das Regelwerk zu studieren. Ob da Spielspaß aufkommt? Dann doch vielleicht lieber eine entspannte Runde Uno, das alle kennen und bei dem man sich nur vorher kurz absprechen muss, nach welchen der vielen Regelvarianten man heute spielt. Ganz ohne Regeln zu spielen oder diese nicht zu definieren, wäre aber auch nicht schön. Oder können Sie sich vorstellen, wie das in der Spielpraxis aussehen würde?
Zu schnell und unbedacht abgeschaffte Regelungen können zum Bumerang werden. Den Bürokratieabbau gar nicht erst anzugehen, ist aber auch keine Option. Eine solche Gradwanderung versucht derzeit das Bayerische Staatsministerium für Landwirtschaft. Unter dem Motto „Einfach schafft Mehrwert – Gemeinsam für eine schlankere Bürokratie“ wurde ein Prozess mit dem Ziel gestartet, gemeinsam mit Praktikern, Verwaltung und Verbänden Ideen und Vorschläge auf den Tisch zu bringen und umzusetzen. Die Begründung: „Regelungen sind wichtig und richtig – ein Zuviel an Bürokratie aber belastet und lähmt.“ Weise Worte. Noch weiser ist es, auf der Suche nach dem richtigen Maß an Regelungen die mit einzubeziehen, die auf beiden Seiten vor den Computern sitzen und es im Alltag leben müssen. Landwirte und Verwaltung in den Prozess einzubinden, kann außerdem dazu beitragen, gegenseitiges Verständnis aufzubringen. Wenn man nachvollziehen kann, warum manche Formulare sind, wie sie sind, fällt das Ausfüllen leichter. Und wenn man andererseits weiß, warum es manchmal nicht so leicht ist, die Felder wie vorgesehen auszufüllen, kann man Formulare auch überarbeiten.
Ein Weg, der auch auf europäischer Ebene sinnvoller ist, als – selbst mit der besten Intention – über den Kopf der Betroffenen hinweg an der Bürokratie zu schrauben. Dann kann es für Landwirte auch zu spürbaren Entlastungen kommen. Und macht auch nichts, wenn es dann schnell geht!