„Where have all the flowers gone“, so der Titel eines Anti-Kriegs-Liedes, das die amerikanische Folksängerin Joan Baez in den 1960er-Jahren bekannt gemacht hat. „Sag mir, wo die Blumen sind“ lautet der Titel der deutschen Übersetzung des Liedes. Selten war dieser Titel so aktuell wie in diesen Zeiten.
Denn es könnte sein, dass die Zeiten blühender Obstbäume oder Erdbeerfelder in unseren Breiten bald vorüber sind. Und nicht nur das: Auch Spargelfelder, Gemüseäcker und alle anderen Sonderkulturen, die viel Handarbeit erfordern, könnten in Zukunft im Rheinland rar werden. Er hat es geschafft: Bundeskanzler Olaf Scholz hat sein Wahlversprechen umgesetzt. Mit der Beschlussfassung des Deutschen Bundestages am vergangenen Freitag steht fest, dass der gesetzliche Mindestlohn in Deutschland zum 1. Oktober 2022 auf 12 €/Std. angehoben wird. Alles Kämpfen und Wehren der landwirtschaftlichen und gärtnerischen Berufsverbände hat nichts genutzt. Ab dem 1. Oktober wird sich zeigen, wer in der Lage ist, solche Löhne zu zahlen. Dabei herrscht schon jetzt Endzeitstimmung in den Obst- und Gemüsebaubetrieben. Die Kosten für Betriebsmittel sind explodiert. Spargel, Erdbeeren und diverse Freilandgemüsearten sind kaum absetzbar. Die Abgabepreise sind katastrophal. Trotzdem fließen die Mengen nicht ab, die Verbraucher üben sich in Kaufzurückhaltung.
So bleibt der Spargel selbst beim Discounter liegen, denn in den Köpfen der Verbraucher handelt es sich bei Spargel immer noch um ein Luxusprodukt. Da ist es egal, wenn das „königliche Gemüse“ in diesem Jahr schon zu Preisen zu haben ist, die den Spargelerzeuger zum Bettler werden lassen. Den Weg zum Direktvermarkter, der in den letzten beiden Coronajahren so gerne angefahren wurde, weil er doch mit seiner regionalen Erzeugung die Lebensmittelversorgung sicherstellen konnte, spart man sich in diesem Jahr lieber. Denn da ist ja alles sooo teuer!
Wie soll es weitergehen? Diese Frage stellen sich derzeit viele Landwirte. Denn die Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns auf 12 €/Std. ist ja nicht das Ende. Im Gegenteil: Sie ist erst der Anfang! Der Anfang einer Lohnspirale, die noch manchem Betrieb – nicht nur Landwirten und Gärtnern – das Genick brechen wird. Es ist doch illusorisch zu glauben, dass nur die Löhne der unteren Lohngruppen zum 1. Oktober 2022 angehoben werden. Auch in den Haushaltskassen der besser ausgebildeten und hoch qualifizierten Arbeitnehmer wird das Geld knapper. Auch sie leiden unter der Inflation! So werden diese für die Betriebe so wichtigen MitarbeiterInnen berechtigterweise ebenfalls eine saftige Lohnerhöhung einfordern. Die Abstände zwischen den Lohngruppen müssen bestehen bleiben. Aus- und Weiterbildung muss sich bezahlt machen! Steigen auch diese Löhne an, wird die Inflation weiter steigen. Damit wird die Lebenshaltung noch teurer. Ein Grund, um den Mindestlohn erneut anzuheben. Ein Teufelskreis ohne Ende!
Es bleibt die Frage, wie es weitergeht. Es scheint, dass arbeitsintensive Kulturen aus dem Anbau in Deutschland verschwinden werden. Zumindest wird sich ihre Fläche in unseren Breiten deutlich reduzieren. Denn in anderen Regionen der Erde können die Landwirte günstiger produzieren. Dass der Lebensmitteleinzelhandel flexibel und bereit ist, seinen Kunden diese Herkünfte auch mitten in der heimischen Hochsaison anzubieten, wissen wir schon länger und spüren wir besonders in diesem Jahr. Denn wer sich die „teuren“ deutschen Erdbeeren nicht leisten kann, findet nach wie vor günstigere Herkünfte, die den leeren Geldbeutel der Kunden schonen. Mit der Verdrängung des heimischen Sonderkulturanbaus ließen sich gleich noch andere Probleme lösen: Durch den Wegfall des Gemüsebaus würde die Nitratauswaschung gemindert, das Grundwasser geschont. Es würde kein Beregnungswasser mehr gebraucht. Da bliebe mehr Wasser für die Swimmingpools im Sommer und niemand muss sich Gedanken übers Wassersparen machen. Außerdem werden im Obst- und Gemüsebau doch so viele „Pestizide“ eingesetzt. Und, und, und …
Es ist doch so schön und bequem, eine Branche plattzumachen, die ohnehin nur Probleme macht, und diese Probleme ins Ausland zu verlagern. Da sind es ja nicht mehr unsere Probleme. Im Zweifelsfall kann man wunderbar mit dem Finger darauf zeigen und die Probleme anprangern, solange unsere Bevölkerung nur billige Lebensmittel hat. Aber was ist, wenn es noch einmal so etwas gibt wie Corona? Wo finden wir dann noch Hofläden und Direktvermarkter, die uns mit Nahrungsmitteln versorgen, wenn die Grenzen geschlossen sind?
Vielleicht denken Sie auch einmal über diese Fragen nach, Herr Bundeskanzler!