Der Anstieg der Verbraucherpreise für Lebensmittel in Deutschland ist nicht vollständig mit den Zuwächsen bei den Erzeuger- und Energiepreisen zu erklären. Vielmehr ist ein Teil der Verteuerung auf den „Profithunger“ der Hersteller zurückzuführen. Das geht aus Berechnungen der Abteilung Makro- und Kapitalmarktresearch bei der Kreditversicherungsgruppe Allianz Trade hervor. Für Deutschland kann seit Mitte Mai 2022 laut dem Inflationsexperten Andy Jobst von der Allianz Trade ein Drittel des jüngsten Anstiegs der Lebensmittelpreise nicht mit den traditionellen Risikotreibern erklärt werden. Es scheine zunehmend Anzeichen für Gewinnmitnahmen zu geben sowie unzureichenden Wettbewerb in den Bereichen mit besonders starken Preissteigerungen wie zum Beispiel bei Herstellern von Milchprodukten und Eiern, aber auch bei nicht-saisonalem Gemüse und Obst, sagte Jobst vergangene Woche in Hamburg. Er geht davon aus, dass die Lebensmittelpreise noch mindestens ein weiteres Quartal hoch bleiben werden, bevor dann eine rasche Normalisierung einsetzt.
Jobst wies darauf hin, dass sich die globalen Agrarrohstoffpreise zuletzt deutlich abgekühlt hätten und von ihren Höchstständen im Jahr 2022 stark zurückgegangen seien. Mais sei zwar noch etwa 30 % teurer als Anfang 2021, und Düngemittel seien weiterhin etwa um die Hälfte teurer als noch vor ein paar Jahren, aber Weizen und Sojabohnen notierten inzwischen auf dem Niveau von 2021. Tatsächlich seien die Betriebskosten der Lebensmittelproduzenten und -einzelhändler ein Grund für das wachsende Ungleichgewicht zwischen vorgelagerten Rohstoff- und nachgelagerten Lebensmittelpreisen, allerdings nicht der einzige, ergänzte Aurélien Duthoit, Branchenexperte bei Allianz Trade.
„Wir beobachten auch, dass insbesondere Lebensmittelhersteller hungrig nach Profiten sind. Sie haben die Preise wesentlich stärker erhöht als die Einzelhändler“, so Duthoit. Allein 2022 hätten die Lebensmittelproduzenten ihre Preise in Deutschland gegenüber dem Vorjahr um durchschnittlich 18,8 % angehoben, berichtete Jobst. Der Lebensmitteleinzelhandel habe seine Preise im Mittel um 12,6 % erhöht. Die Finanzzahlen der börsennotierten Lebensmitteleinzelhändler bestätigten, dass die Kosten Anfang 2022 schneller gestiegen seien als der Umsatz, wobei die Bruttomargen geschrumpft und unter das Niveau von vor der Coronapandemie gefallen seien. Seit dem zweiten Halbjahr 2022 sei der Umsatz jedoch stärker gewachsen als der Kostenindex. Das deutet Jobst zufolge darauf hin, dass die Unternehmen des Lebensmittelsektors die Preise erhöht haben, um entgangene Gewinnspannen auszugleichen. Besonders signifikant sei dieser Trend bei den Herstellern verpackter Lebensmittel.
AgE