Das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach (1685–1750) erfreut sich auch 286 Jahre nach seiner Uraufführung großer Beliebtheit. Die LZ Rheinland begab sich auf eine Zeitreise zu seinen Wurzeln und sprach mit dem 17. Nachfolger von Bach als Thomaskantor des berühmten Thomanerchores in Leipzig, Professor Gotthold Schwarz.
Gotthold Schwarz, seit Sommer 2016 Thomaskantor des Thomanerchores, kam schon in früher Kindheit mit dem Weihnachtsoratorium in Kontakt. „Bereits mit sieben Jahren sang ich es im Chor unter der Leitung meines Vaters, der Kantor an der Zwickauer Pauluskirche war. Für mich ergaben sich daraus unheimlich emotionale Momente. Die Musik rührte mich innerlich an, auch wenn ich die Worte, die ich sang wie ‚Ach, mein herzliebes Jesulein, mach dir ein rein sanft Bettelein, zu ruhen in meins Herzens Schrein‘ damals noch gar nicht richtig begreifen konnte“, blickt er zurück. Wenn er mitbekam, dass das Weihnachtsoratorium im Radio gespielt wurde, saß er gebannt davor und lauschte andächtig. So lernte er schon früh verschiedene Aufführungen und Interpretationen des Werkes kennen.
Mit dem Herzen verstehen
Später, nach einer kurzzeitigen Mitgliedschaft im Thomanerchor, wurde er Musiker, Sänger und Dirigent. Ab 1979 war er im Thomanerchor als Stimmbildner tätig und vertrat seit den 1990er-Jahren mehrfach den Thomaskantor, bis er schließlich selbst dieses Amt bekleidete.
Mit den Chorknaben auch über die Texte des Weihnachtsoratoriums zu sprechen war und ist ihm ein Anliegen. „Zunächst einmal ist es wichtig, dass sie die Musik mit dem Herzen verstehen. Danach können sie sich mit den Texten auseinandersetzen, sie nachempfinden und eigene Erkenntnisse daraus gewinnen“, erklärt er. Einige Musikpädagogen würden sich zwar fragen, ob man junge Menschen tatsächlich noch mit alten Texten, etwa von Martin Luther, konfrontieren müsse, aber Schwarz hat hier seine ganz eigene Sichtweise: „Das ist ein Pfund, mit dem wir wuchern können. Das historische Liedgut mit seinen Texten darf nicht verloren gehen. Wir sollten es pflegen und seinen Wert vermitteln.“ Es sei schade, dass viele Kinder nicht einmal mehr die überlieferten, traditionellen Weihnachtslieder kennen. Darum sieht er auch innerkirchliche Strömungen mit Sorge, die bei Neuauflagen der Gesangsbücher bestimmte angeblich nicht mehr zeitgemäße Lieder entfernen wollen.