Putins mächtigste Waffe

LZ-Chefredakteur Detlef Steinert

Deutschland weiß es wieder besser. Während die Staaten ringsherum die sogenannten Ökologischen Vorrangflächen zur Bewirtschaftung freigeben, zögert das Bundeslandwirtschaftsministerium und begründet dies mit einer „Lage multipler Krisen“. Aber lassen sich Klima- und Biodiversitätskrise in den Griff bekommen, wenn Krieg und Hunger andauern?

Die Risiken summieren sich. Auch wenn sie jeder Leserin und jedem Leser geläufig sein sollten, zählen wir noch einmal auf, was die sichere Versorgung mit Lebensmitteln in absehbarer Zeit gefährden könnte. Ausgangspunkt ist der Überfall Putins auf die Ukraine. Der zieht einen Rattenschwanz nach sich. Nehmen wir zunächst die Lage in der Ukraine selbst in den Blick. Allein der Vormarsch der Russen und die Kämpfe im Land schränken die Chance ein, die Felder im Frühjahr noch zeitgerecht zu bewirtschaften. Wer will in freier Flur schon als Zielscheibe herhalten? Wo es noch keine Kampfhandlungen gibt, dürften andere Probleme auf die Ernte in diesem Jahr einwirken. Es fehlen nicht nur Treibstoffe, Düngemittel und Pflanzenschutzmittel, es fehlen auch die Menschen, um die anstehende Arbeit zu erledigen. Die Prognosen, dass in diesem Jahr nennenswerte Mengen an Getreide und anderen Agrarprodukten für den Export zur Verfügung stehen, werden daher täglich kleiner (wenn so viel Optimismus überhaupt gerechtfertigt ist). Was doch geerntet werden kann, wird gerade reichen, um die eigene Bevölkerung zu versorgen. Und sollte etwas übrig bleiben, kann das wahrscheinlich gar nicht transportiert werden, weil die Hafenanlagen am Schwarzmeer zerstört sind.

Differenzierter, aber nicht weniger sorgenvoll muss man die Lage in anderen Erdteilen betrachten. Die westliche Welt, einschließlich der EU, dürfte zumindest in absehbarer Zeit von Hunger verschont bleiben. Was viele Stellen beschwören, ist allerdings auch einem gewissen Zweckoptimismus geschuldet. Es ist nicht nur der menschengemachte Mangel an Nährstoffen (zum Beispiel fehlende und/oder überteuerte Düngemittel, Vorgaben der Düngeverordnung) und anderen Betriebsmitteln, der um die Erträge bangen lässt, es sind auch Naturgewalten, wie zum Beispiel Trockenperioden wie vor wenigen Jahren. Als Folge könnten die strategischen Reserven der meisten Industrieländer schneller aufgezehrt sein, als diesen lieb ist. Und wenn die nicht für die Eigenversorgung herhalten müssen, dann doch dafür, den Menschen in den Ländern in Asien und Afrika zu helfen, denen ohne die Importe größter Hunger droht.

Putins schlimmste Waffen sind nicht seine Panzer, seine Hyperschallraketen oder seine Atomsprengköpfe. Seine verheerendste Waffe ist der Hunger, den sein Krieg nach sich zieht. Denn der wirkt nicht nur da, wo die Waffen hinzielen, er wirkt überall auf der Welt und sorgt für Unzufriedenheit. Vor allem dort, wo das Staatsgefüge zerbrechlich und die Demokratie nur ein zartes Pflänzchen ist, ist die Gefahr groß, dass sich diese Länder Putin in die Arme werfen und er gar nicht darum kämpfen muss, sie seinem Einflussbereich einzuverleiben.

Es ist richtig, dass NATO und EU alles tun, um einem aktiven Eingreifen ihrer Mitgliedstaaten an militärischen Ausei­­nan­dersetzungen aus dem Weg zu gehen. Aber genauso wichtig und in der Priorität weitaus höher anzusiedeln ist, dass diese Staatengemeinschaften das eben beschriebene Szenario zu verhindern suchen. Wenn sie alle Möglichkeiten ausschöpfen, sich in puncto Lebensmittelversorgung diesen Ländern gegenüber solidarisch zu zeigen, wird diese Waffe Putins stumpf. Unsere Landwirtinnen und Landwirte werden ihre Verantwortung für Biodiversität und Klima sicher nicht über Bord werfen, würde die Bundesregierung über ihren Schatten springen und wie viele andere EU-Länder ihnen mehr Spielraum bei der Bewirtschaftung der Ökologischen Vorrangflächen einräumen. Man kann den Standpunkt des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) zwar nachvollziehen, dass derzeit „eine Lage multipler Krisen“ (siehe  S. 11) besteht. Aber wenn die Versorgungssicherheit hierzulande und auf anderen Kontinenten bedroht ist, kann nur eines Vorrang haben: Hunger zu vermeiden. Gelingt dies nicht, werden Klima und Biodiversität auf absehbare Zeit von ganz alleine auf der Rangliste der weltweiten Krisen ganz weit nach hinten rücken.