Seid einig

LZ-Chefredakteur Detlef Steinert

Es rührt sich was unter den Bauern. Genauso groß wie ihr Frust scheint auch die Uneinigkeit darüber zu sein, wie man diesem Ausdruck verleiht. Eigentlich sollte das wenig zur Sache tun. Denn erst einmal sollte es doch darum gehen, klarzumachen, worum es denn geht: dass unsere Landwirtschaft einen anerkannten Stellenwert in unserer Gesellschaft hat.

Die Whatsapp-Gruppen überschlagen sich. Auf Facebook folgt ein Schlagabtausch auf den anderen. Telefone laufen heiß. Bauern und Bäuerinnen, die zusätzlich zu ihrem strammen Arbeitspensum am Hof Stunde um Stunde geopfert haben, um mit anderen Aktionen zu planen und zu organisieren, fahren ihr Engagement auf null runter. Andere verwehren sich dagegen, ihre Ideen zu vereinnahmen. Andere sprudeln nur so vor Einfällen, was man noch alles machen könnte. Sie ahnen es, das alles sind Szenen, wie sie sich derzeit überall im Land und in den sozialen Medien abspielen. Der Hintergrund: zu keiner Zeit in den vergangenen Jahrzehnten haben sich die Bauern so alleingelassen gefühlt wie derzeit. Sie dienen allem und jedem als Sündenbock für alles Mög­liche und werden, siehe Agrar- und Klimapaket oder Düngeverordnung, dafür so dermaßen in die Pflicht genommen, dass für viele gar nicht mehr leistbar ist, was da gefordert wird. Sorge um die Zukunft des Betriebes und um die eigene Existenz geht um.

In Momenten, in denen die Nerven sowieso blank liegen, tritt oft allzu Menschliches zutage. Da werden Befindlichkeiten kultiviert und Vorwürfe artikuliert. Da gibt es Verletzungen und Zerwürfnisse. Das alles ist verständlich. Aber dient es der Sache? Ich meine: Nein! In solchen Momenten kommt es vielmehr da­rauf an, sich auf das zu konzentrieren, was allen gemeinsam ist: die Sorge um die Zukunft und der Frust, dass die, die unsere Gesellschaft mit dem Lebensnotwendigsten versorgen, von ihr links liegen gelassen werden. Da ist es egal, ob dies in stillen – wie bei den grünen Kreuzen – oder in lauten Aktionen über die Bühne geht wie bei Schlepperkorsos, Demonstrationen in Berlin, Bonn oder andernorts oder mit ganz andersgearteten Aktionen Flagge gezeigt wird. Nur vier Dinge sind dabei nicht egal:

1. Sich auf eine klare Botschaft zu konzentrieren und sich nicht in Tausenden Nebenschauplätzen zu verzetteln. „Keep it simple“ – halte es einfach – ist eine Grundregel moderner Kommunikation, wenn nicht gar die wichtigste. Was bleibt hängen, wenn die Kernbotschaft vor unzähligen weiteren Facetten nicht zu erkennen ist? Richtig: Nichts!

2. Jede Aktionsform kann helfen. Menschen nehmen je nach Herkunft, Bildung oder augenblicklichem Umfeld Dinge mal so, mal anders, mal auf diesem, mal auf einem anderen Weg wahr. Deswegen ist keine Protestform besser als eine andere. Eher verstärken sie sich gegenseitig, wenn sie verschieden sind oder gar wiederholt werden.

3. Respekt bewahren vor den Rechten anderer. Die Öffentlichkeit gesteht Vertretern von NGOs zu, ihre Zwecke auch mal mit zweifelhaften Methoden durchzusetzen. Aber es ist eine Frage der Glaubwürdigkeit, ob man selbst zu Mitteln greift, die auf gleicher Stufe mit denen stehen, die man anderen ankreidet, wie etwa Gewaltdelikte oder Demagogie.

4. Besonders wichtig, auch wenn es um das eigene Anliegen geht und daher schwerfällt: sich nicht selbst in den Mittelpunkt zu stellen, sondern deutlich zu machen, was für die auf dem Spiel steht, die man erreichen will. Denn die fragen sich: „Was haben die Proteste der Bauern mit mir zu tun, warum soll ich die unterstützen?“

Eine Vielfalt an Protestformen schadet also nicht! Sie erhöht sogar die Wahrscheinlichkeit, dass die Bauern und Bäuerinnen ihre Mitmenschen erreichen. Nicht jeder unserer über 80 Mio. Mitbürger hat dieselben Informationsgewohnheiten. Daher hat alles eine Berechtigung, was Menschen erreicht und nicht den Boden der Rechtsordnung verlässt: plakative Großereignisse wie Demos genauso wie stille Mahnungen am Wegesrand oder Dialogaktionen in Fußgängerzonen, auf den Höfen, in sozialen Netzwerken etc. Nichts ist allein der Königsweg. Der Weg erfolgreicher Feldherrn war oft der, an verschiedenen Stellen zu operieren. Erfolgreiche NGOs machen das heute genauso: breitflächig werben und kommunizieren, soziale Netze und digitale Strukturen instrumentalisieren und mit Mensch und Angesicht bei Demos oder Guerilla-Aktionen auftreten. Bauern und Bäuerinnen, seid daher einig in der Botschaft und respektiert, was hilft, diese zu verbreiten! Alles andere hilft nur denen, die nur eines wollen: unsere Landwirtschaft zu demontieren.