Seuchenbekämpfung im 21. Jahrhundert

Brigitte Wenzel, Rheinischer Landwirtschafts-Verband

Zehn Jahre ist die Afrikanische Schweinepest in der EU, vier Jahre durch das erste infizierte Wildschwein in Brandenburg in Deutschland. Dass das Virus jetzt im siebten Bundesland nachgewiesen wurde, während im ersten immer noch neue Fälle registriert werden, macht deutlich, dass bei dieser Seuche einiges anders ist. Grundsätzlich findet Seuchenbekämpfung heute unter ganz anderen Vor­zeichen statt.

 

Für Schweinehalter gehörte die Seuchengefahr immer schon dazu. Und so gab es geschlossene Ställe mit Hygieneschleusen, ohne Einstreu und mit möglichst wenig Besucherverkehr. Wenn es doch zu einem Ausbruch kam, war es allgemeines Ziel, möglichst schnell vollständige Marktöffnung wiederzuerlangen. Diese Zeiten sind vorbei!

 

Die Ställe öffnen sich wieder, für die Tiere, für Einstreu und Beschäftigungsmaterial, aber auch für Kunden, die in den letzten Jahren mit negativen Bildern verschreckt wurden. Der Schweinefleischverzehr sinkt seit Jahren, wichtige Exportmärkte sind weggefallen und können vielleicht gar nicht mehr zurückgewonnen werden, mangels Wettbewerbsfähigkeit von Premiumfleisch oder aus politischen Gründen.

 

Das Tierschutzgesetz erlaubt das Töten nur aus vernünftigem Grund, also zum Beispiel um Leiden zu beenden oder zur Gewinnung von Lebensmitteln. Die Verantwortung der Tierhalter, Vorsorge zu betreiben, ist durch neues europäisches Recht deutlich gestiegen. Die Unterstützung der EU geht deshalb seit einigen Jahren in Richtung Prävention. Forschung zu Übertragungswegen und Impfstoffen, Aufklärungskampagnen, Untersuchungsprogramme, Anreize zur Schwarzwildjagd sowie zur Verbesserung der Biosicherheit auf den Betrieben sind die Mittel der Wahl. Eine Impfung gibt es noch nicht, deshalb lässt sich die Seuche schwer im Wildtierbestand ausrotten. Und weil das Virus extrem überlebensfähig ist, muss großer Aufwand betrieben werden, um infizierte Tiere zu finden und sicher zu entsorgen. Deshalb richtet das Land Sperrzonen mit zum Teil Hunderten Kilometern Zaun ein, um ein Versprengen erkrankter Tiere zu verhindern, es werden Kadaver-Suchhundestaffeln ausgebildet und Betretungsverbote von Feld und Wald für Landwirte und Erholungssuchende verhängt. Die Bekämpfung der Seuche bei Wildtieren dient der Prävention einer Einschleppung in Haustierbestände.

 

Es gibt nicht mehr den Ausbruch, der nach wenigen Wochen gebannt ist. Sachsen und Brandenburg sind auch nach vier Jahren noch betroffen, weil immer noch Fälle registriert werden. Zwei Bundesländer hatten bisher nur einen einzelnen Fall im Hausschweinebestand. Die Verschleppung erfolgt nicht nur über Kontakt mit infizierten Wildschweinen, sondern durch Jagdtourismus, Arbeitskräftemobilität, Durchgangsverkehr, ist also auch menschengemacht.

 

Mit den aktuellen Fällen in Hessen und Rheinland-Pfalz stellt sich die Situation erneut etwas anders dar. Es gibt bereits mindestens 100 Fälle bei Wildschweinen und acht bei Hausschweinen. Im Emsland lagen nach einem einzigen Ausbruchsbetrieb mehr als 150 000 Schweine in der Sperrzone und obwohl es keinerlei Virusnachweise beim Wild gab, kam es zu enormen Marktverwerfungen. Trotz einer dazu sehr geringen Anzahl an indirekt betroffenen Schweinen nun im Südwesten und obwohl schon zwei Jahre vergangen sind – es wird wieder schwer, die gesunden Tiere vermarkten zu können.

 

Die Schlachthöfe reißen sich nicht um diese Tiere. Dem Vernehmen nach hilft erneut ein niederrheinischer Schlachthof. Und der Staat, der immer von regionalen Schlachthöfen schwärmt, sieht sich scheinbar überhaupt nicht mehr in der Verantwortung.

 

Tatsache ist doch: Es entspricht nicht nur dem ethischen Anspruch unserer Gesellschaft, sondern auch dem Selbstverständnis der Tierhalter, gesunde Tiere nicht mehr wie früher der Vernichtung zuzuführen.

 

Es ist deshalb zumindest ein wichtiger Teilerfolg, dass die Verarbeitungskriterien für Kochfleischprodukte angepasst wurden. Das Frischfleisch der zweifelsfrei gesunden Schweine darf aber nur national vermarktet werden und ist deshalb anscheinend nichts wert. Dieses Dilemma muss gelöst werden! Polen zeigt uns, dass es anders geht. Bei uns bräuchte es wohl dazu auch eine geschickte Aufklärungskampagne. Um auch das wertvollere Frischfleisch in den Handel zu bringen, muss jedenfalls deutlich mehr Engagement kommen von all denen, die Nachhaltigkeit seit Jahren groß auf ihre Fahnen schreiben. Dem LEH steht scheinbar noch genug Ware zur Verfügung. Und der Staat will wohl auf Steuereinnahmen aus Geschäften mit Fleisch zukünftig verzichten.

 

Das Frischfleisch der zweifelsfrei gesunden Schweine darf aber nur national vermarktet werden und ist deshalb anscheinend nichts wert. Dieses Dilemma muss gelöst werden!