DBV: Erneute Zitterpartie
Eine „durchschnittliche Bilanz“ mit einer größeren Menge als in den vergangenen beiden Jahren hat der Deutsche Bauernverband (DBV) für die diesjährige Getreideernte gezogen. In der Erntebilanz, die der DBV vergangene Woche vorgelegt hat, weist er eine Gesamtmenge von 43,49 Mio. t Getreide aus; das wären 11 % mehr als 2024, während der Durchschnitt der Jahre 2020 bis 2024 um 4 % übertroffen würde. Allerdings gibt es laut DBV je nach Region und Standort sehr große Ertragsspannen bei den meisten Kulturen. Zudem hätten die Qualitäten in vielen Regionen zum Teil erheblich unter den wochenlangen, teils sehr intensiven Niederschlägen gelitten. DBV-Präsident Joachim Rukwied sprach von einer „erneuten Zitterpartie“ für die Landwirte.
Um die Versorgungs- und Verteidigungsfähigkeit Europas in einer zunehmend konfliktgeladenen Welt zu sichern, muss Rukwied zufolge die Landwirtschaft hierzulande wettbewerbsfähiger aufgestellt werden. Die Qualität und Quantität der Ernten leide bereits heute unter den Folgen des Klimawandels. Zusätzlich werde die Lage durch strenge Regelungen bei der Düngung und dem Pflanzenschutz erschwert. Der Bauernpräsident forderte daher ein „wirkungsvolles Maßnahmenpaket“, um die Landwirtschaft zu stärken und zu entlasten. Als Ansatzpunkte nannte er dabei die Abschaffung der Stoffstrombilanz, die Reduzierung bürokratischer Verpflichtungen der Betriebe „per Rasenmäher“ und die Zulassungssituation im Pflanzenschutz.
Der DBV-Präsident ging auch auf die aktuelle Marktsituation ein, die er mit Sorge betrachtet. Die nach wie vor katastrophale Preislage – insbesondere auf den Getreidemärkten – bringe den Landwirten zunehmend Probleme, und eine Verbesserung sei nicht in Sicht. In Kombination mit den stark gestiegenen Betriebsmittelkosten sei der Getreideanbau in Deutschland kaum noch wirtschaftlich darstellbar, beklagte Rukwied.
AgE
Nicht aufs Glück verlassen
„Mit den Erträgen können die meisten Betriebe zufrieden sein“, stellte NRW-Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen am Dienstag gegenüber Journalisten fest. Bei allen Wintergetreidearten seien die Hektarerträge sehr hoch. Anders als noch im regenreichen Vorjahr hätten die Witterungsbedingungen für sehr gute Erträge gesorgt, beim Winterweizen sogar mit knapp 30 % Zuwachs, so ihre Erntebilanz.
Mit 248 000 ha ist die Anbaufläche von Winterweizen gegenüber dem Vorjahr laut Karl Werring, Präsident der Landwirtschaftskammer NRW, um rund 30 000 ha ausgedehnt worden. Der Durchschnittsertrag liegt nach Kammerangaben mit etwa 9 t/ha deutlich über dem Vorjahr. Mit 129 000 ha ist Wintergerste in NRW die zweitwichtigste Druschfrucht. Die Erträge waren hier mit 8,6 t/ha deutlich überdurchschnittlich. Weitere Ernteergebnisse gibt es ab S. 27.
Trotz der Ernteerträge machen laut Gorißen und Werring den Landwirtinnen und Landwirten in Nordrhein-Westfalen die aktuellen Erzeugerpreise Sorgen. Verantwortlich für die guten Erträge in diesem Jahr seien unter anderem passende Witterungsbedingungen gewesen. Das soll Gorißen zufolge nicht darüber hinwegtäuschen, „dass die Betriebe sich gerade vor dem Hintergrund des fortschreitenden Klimawandels nicht aufs Wetterglück verlassen können“. Sie bräuchten stabile Rahmenbedingungen und ein geeignetes Spektrum an produktionstechnischen Maßnahmen. Entscheidende Werkzeuge im Pflanzenbau seien dabei ein effektiver Pflanzenschutz und eine bedarfsgerechte Düngung; zudem müssten alle Möglichkeiten für einen echten Züchtungsfortschritt flexibel genutzt werden können.
ds
Gussen fordert Vorwärtsstrategie
Zum Abschluss der Getreideernte im Rheinland stellt Erich Gussen, Präsident des Rheinischen Landwirtschafts-Verbandes (RLV), fest, dass steigende Ausgaben für Dünger, Pflanzenschutz und Energie mit den aktuellen Preisen nicht mehr erwirtschaftet werden können. Zwar lägen die Erträge mit 91 bis 95 dt/ha beim Weizen und 80 bis 85 dt/ha bei der Wintergerste leicht über dem langjährigen Schnitt. Doch „Menge allein reicht nicht. Die Qualität ist teilweise enttäuschend“, so Gussen. Viele Betriebe würden unterhalb der Kostendeckung arbeiten. Das sei auf Dauer nicht tragbar und belaste Familienbetriebe massiv.
Neben dem wechselhaften Wetter in den entscheidenden Phasen spiele die nicht bedarfsgerechte Düngepolitik eine entscheidende Rolle bei der Qualität. Gussen fordert daher „eine praxisgerechte, an den Standort angepasste Düngeregelung“. Er richtet einen eindringlichen Appell an die politischen Entscheidungsträger in Düsseldorf, Berlin und Brüssel: „Wenn wir auch in Zukunft eine verlässliche und hochwertige Lebensmittelproduktion aus heimischer Landwirtschaft wollen, dann brauchen wir insbesondere bei Vorgaben zu Dünge- und Pflanzenschutzmitteln sowie neuen Züchtungsmethoden endlich eine Vorwärtsstrategie.“
DBV-Prognose im Überblick
Winterweizen: 21,7 Mio. t (+22 % gegenüber Vorjahr). Zuwachs begründet in Ertragszuwachs und mehr Anbaufläche. Schlechte bis ungenügende Qualitäten. Fallzahlen zum Teil eingebrochen, deutliche Ausschläge nach unten bei den Proteingehalten, insbesondere in roten Gebieten.
Wintergerste: 9,27 Mio. t (+4 % gegenüber Vorjahr). Winterrogen: 3,15 Mio. t (+22 % gegenüber 2024). Winterraps: 3,86 Mio. t (+6 % gegenüber 2024). Körnermais: 4,26 Mio. t (–15 % gegenüber 2024).