Souverän bleiben

LZ-Chefredakteur Detlef Steinert

Die Ausbreitung des Coronavirus in Europa wirbelt manches durcheinander und lässt Zweifel an bisher Selbstverständlichem aufkommen, etwa einer sicheren Grundversorgung. Aber stellt das schon die weltweite Vernetzung mit ihren Handels- und Warenströmen infrage? Oder stellt das eher die Regeln der Globalisierung und die staatliche Daseinsverantwortung auf den Prüfstand?

Seit Wochen hält der Virus mit der Bezeichnung Coronavirus SARS-CoV-2, oder auch Covid-19, die Welt in Atem – soweit man dieses Bild bei einem Erreger überhaupt gebrauchen darf, dessen klinische Symptome vor allem die Atemwege betreffen. Lange schien er weit weg. Mittlerweile ist der Virus in spürbare Nähe gerückt. Spürbar nicht nur, weil Freunde oder Bekannte in der Region Heinsberg und an anderen Orten in NRW unter Quarantäne gestellt werden. Spürbar, weil infolge von Hamsterkäufen die Regale in den Supermärkten reihenweise leer gekauft werden. Spürbar auch, weil die Preise für Agrarprodukte rasante Aufwärtsbewegungen, aber auch genauso rasante Abstürze verzeichnen. Spürbar dadurch, dass Versammlungen und Veranstaltungen abgesagt wurden und werden, um die Verbreitung des Virus zu erschweren und Menschen vor Ansteckung zu schützen. So etwa die Jahreshauptversammlung der REKA, die am Mittwoch stattfinden sollte. Auch die für Donnerstag in Bonn geplanten Demonstrationen von „Land schafft Verbindung“ (LsV) haben die Organisatoren abgeblasen. Aus Vorsichtsgründen und weil man fürchtete, dass Covid-19 die ganze Aufmerksamkeit von Medien, Politik und Bevölkerung auf sich zieht und die eigenen Anliegen daher gar nicht durchdringen.

Auch wenn der Hotspot der Erkrankungen und Infektionen nach wie vor in China liegt, das derzeitige Geschehen macht eines deutlich: Die weltweite Vernetzung ist tiefgreifender als man es gemeinhin annimmt, und komplexer als man denkt. Denn, sieht man von den Infektionen ab, die sich bei einem bayerischen Autozulieferer auf eine aus China angereiste Kollegin zurückführen ließen, ist die Einschleppung nach NRW und in andere Regionen Europas nicht hinlänglich geklärt. Abseits der medizinischen Seite zeigt sich auch die Anfälligkeit der Wirtschaft. So befürchten nicht nur Maschinenbauer, Handel oder Elektronikunternehmen Lieferengpässe, weil der Export aus China – gerne als verlängerte Werkbank des Westens bezeichnet – ins Stocken geraten ist. Manche sehen in dem Virus und seiner Ausbreitung folglich den Beleg, dass die Globalisierung aus dem Ruder läuft.

Realistisch betrachtet lässt sich unsere Welt aber nicht mehr so leicht entflechten. Dass die Produktion dahin wandert, wo sie am günstigsten ist, hat einfach wirtschaftliche Vorteile. Von dieser Arbeitsteilung profitiert unsere Gesellschaft enorm, was Staat und Bürger in guten Zeiten nur ungern aufgeben wollen. Außerdem ist der internationale Austausch nicht nur Austausch von Waren, sondern ebenso von Wissen und Know-how. Deshalb darf man internationale Vernetzung nicht nur aus wirtschaftlicher Perspektive betrachten. Und schon gar nicht dürfen aus marktliberalem Kalkül die Schattenseiten vernachlässigt oder verharmlost werden. Globalisierung hat da ihre Grenzen, wo es an die Sicherheit der Grundversorgung für die Bevölkerung geht.

Natürlich muss hierzulande heute niemand Angst haben, dass bedingt durch die Corona-Ausbreitung plötzlich die Nahrungsmittel knapp werden. Manche agrarpolitischen Vorstellungen in Deutschland befeuern aber solche Sorgen geradezu. Einerseits beteuert die Bundesrepublik mit Blick auf den Abschluss internationaler Handelsabkommen, ob nun mit den Mercosur-Staaten in Südamerika oder nach dem Brexit mit Großbritannien, von etablierten Standards nicht abrücken zu wollen. Zum anderen schenkt die Bundesregierung seit einiger Zeit auch im Bereich der Ernährung der Krisenvorsorge wieder mehr Aufmerksamkeit und hält seitenweise Tipps für die private Vorratshaltung von Lebensmitteln parat. Aber gewährleisten internationale Abkommen einen verlässlichen Nachschub, wenn in Krisenzeiten die Vorräte zur Neige gehen? Ich zweifle daran, wenn ich Bilder von chinesischen Häfen sehe, wo sich derzeit so weit das Auge reicht Transportcontainer an Transportcontainer reiht. Wie fahrlässig es ist, zuzulassen, dass die Produktion unentbehrlicher Güter abwandert, zeigt sich seit Monaten im Arzneimittelsektor. Ärzte können hier mitunter gar nicht mehr souverän agieren und Patienten notwendige Medikamente verordnen, da Wirkstoffe wegen des Ausfalls von Produktionsstätten im Fernen Osten nicht mehr verfügbar sind. Angesichts von Corona darf sich die Bundesrepublik bei Landwirtschaft und Ernährung mehr Souveränität leisten. Sie muss aber mehr dafür tun und unterlassen, was zum Aus- oder Wegfall von Produktionsstätten führt, also die Existenz von Bauernhöfen bedroht.