Tausendmal gehört

LZ-Chefredakteur Detlef Steinert

Neues Selbstverständnis, neues Rollenverständnis, neue Kommunikation – das sind die Schwerpunkte des Konzepts „Zukunftsbauer“, das auf dem Bauerntag in Lübeck vorgestellt wurde. Dabei fühlt man sich in gewisser Weise an einen Ohrwurm aus den 1980er-Jahren erinnert („1000 mal berührt, 1000 mal ist nichts passiert“).

Ausgerechnet Penny, die Discount-Tochter des Lebensmittelhandelskonzerns Rewe, hat jüngst ein Projekt namens „Zukunftsbauer“ gestartet. Gemeinsam mit einer süddeutschen Molkerei soll die „nachhaltige energieeffiziente Weiterentwicklung der kleinbäuerlichen Familienbetriebe gezielt gefördert und unterstützt“ werden. Nicht nur den Namen, sondern auch das Ziel, bäuerlichen Betrieben zu helfen, haben dieses Projekt und das Konzept „Zukunftsbauer“ gemeinsam, das auf dem Deutschen Bauerntag in der vergangenen Woche vorgestellt worden ist. Eigentlich handelt es sich bei Letzterem aber gar nicht um ein im Detail ausgearbeitetes Konzept. Hinter dem Titel verbergen sich viele Ideen und Projektvorschläge, die eine Arbeitsgruppe zusammengetragen hat. Drei Punkte stehen im Mittelpunkt: ein „neues Selbstverständnis als Unternehmer und Gestalter von Natur, Landschaft und ländlicher Kultur“, ein „neues Rollenverständnis als Lösungsanbieter für gesellschaftliche Anforderungen, als aktiver Teilnehmer gesellschaftlicher Debatten sowie als Brückenbauer in andere Gruppen und Schichten“ und eine „neue Kommunikation und neue Botschaften nach innen und außen“.

Kommen Ihnen die Schlagworte bekannt vor? Mir sind diese in über 30 Jahren als Agrarjournalist schon häufig begegnet. Wie oft wurde seither beschworen, dass Landwirtinnen und Landwirte mit Mut und Selbstbewusstsein auftreten sollen und man gemeinsam für ein besseres Ansehen in Gesellschaft und Politik antreten will? Unweigerlich ist mir die Abwandlung eines Hits der 1980er-Jahre in den Sinn gekommen, als die Eckpunkte auf dem Bauerntag vorgetragen wurden: tausendmal gehört, tausendmal ist nichts passiert. Trotzdem sollte man den neuerlichen Vorstoß, für eine bessere Wahrnehmung der Landwirtschaft sorgen zu wollen, nicht einfach so abtun. Einmal, weil die Vertreterinnen und Vertreter aus allen dem Deutschen Bauernverband (DBV) angeschlossenen Landesverbänden viel Zeit, viel Mühe und viel Herzblut investiert haben, um die Schwachstellen zu analysieren und mögliche Lösungsansätze zu beschreiben; das verdient Respekt und Anerkennung. Zum anderen, weil sich Zeitläufe ändern und damit immer wieder eine Standortbestimmung stattfinden muss, egal, wie oft eine solche in der Vergangenheit schon vorgenommen worden ist; in einer Phase großer Veränderungen – manche sprechen für meinen Geschmack etwas zu pathetisch von Transformation – ist das umso wichtiger.

Der DBV dürfte sich der Vorbehalte bewusst sein, die sich bei den etwas Älteren einstellen, denen solche oder ähnliche Initiativen schon mehrfach begegnet sind. Der sattsam bekannten Herausforderung versucht der Dachverband neuen Schub zu verleihen, indem er auch seine Vorgehensweise modernisiert. So sind die Vorschläge der Arbeitsgruppe „Zukunftsbauer“ als solche zu verstehen; sie sind kein ausgefeilter Fahrplan zum Erfolg. Sie wurden auf dem Bauerntag außerdem in einem neuen Format präsentiert und diskutiert („Fishbowl“) und sie sollen nun auch in den Landesverbänden zur Diskussion „von unten nach oben“ dienen. Zudem sollen Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, denn eine dauerhafte und verlässliche Weiterverfolgung bedürfe, wie es in dem Diskussionspapier heißt, „einer professionellen und dauerhaft angelegten Begleitung“. Nicht zuletzt will der DBV auf dem Bauerntag im nächsten Jahr Rechenschaft über die Fortschritte ablegen.

Begleitend wurde auf dem Bauerntag ein Buch „Über die Analyse und Gestaltung des öffentlichen Vertrauens“ verteilt. Das sollte gleich die Geschichte (neudeutsch: Narrativ) über den „Zukunftsbauern“ liefern, die es gegenüber der Öffentlichkeit zu erzählen gelten könnte. Eines von drei  Vorworten steuerte Josef Sanktjohanser, Präsident des Handelsverbands Deutschland (HDE) und langjähriger Vorstand der Rewe Group, dazu bei. Er beendet seinen Beitrag mit den Worten: „Geben wir dem Zukunfts-Bauern eine Chance.“ Als ich das gelesen habe, musste ich wieder an den Hit von Klaus Lage denken: „1000 mal berührt, 1000 mal ist nichts passiert, 1000 und 1 Nacht und es hat Zoom gemacht.“ Denn: Ich wünschte mir, dass es beim Lebensmittelhandel endlich „Zoom“ macht. Dann gibt es „Zukunftsbauern“ nicht nur auf dem Papier; dann könnte es auch eine Zukunft für mehr Bäuerinnen und Bauern in der Realität geben.