Traumpreise, aber ...

Dr. Elisabeth Legge

Ein Rekord jagt den nächsten. In Sachen Milchpreise können sich die Milcherzeuger derzeit alles andere als beschweren. Aber die große Freude darüber bleibt aus. Für die Milcherzeuger ist längst nicht alles in Butter.

Drei Jahre lang tat sich wenig bei den Milchauszahlungspreisen. Aber im vergangenen Jahr zogen sie an. Im Mittel zahlten die Molkereien, die in NRW Milch abholen, im Vergleich zum Vorjahr 3 Cent pro Kilo mehr. Der Blick in den AMI-Milchpreisvergleich 2021 in dieser LZ-Ausgabe beweist es. Seit dem vergangenen Jahr zeigen die Preise für Milch und Milchprodukte nur eine Richtung, und zwar nach oben. Inzwischen jagt ein Rekordpreis den anderen. Manche Molkereien sind schon nicht mehr weit von der 60-Cent-Marke entfernt. Vielleicht auch hier in NRW erreichbar. Jedenfalls ist es nicht mehr unmöglich.

Die Milcherzeuger haben historisch hohe Auszahlungspreise, die sie sich immer schon erträumt haben, jedoch kaum für möglich gehalten haben. Aber die Traumpreise sind Realität. Hinterher hinken allerdings die Preise für Bio-Milch. Der Abstand zwischen den Auszahlungspreisen von konventioneller und Bio-Milch ist mittlerweile nur noch gering, aber auch die Bio-Milchpreise sind gestiegen und steigen wohl weiter. Grund für den enormen Milchpreisanstieg ist das knappe Rohstoffangebot. Die Milchviehbestände sind drastisch zurückgegangen. In Deutschland und auch in der EU wird immer weniger gemolken. Der knappe Rohstoff Milch spielt den Milcherzeugern in die Karten. Die Molkereien buhlen inzwischen um Mitglieder. Damit ist ein neuer Wettbewerb um die Milch entbrannt und davon dürften die Milcherzeuger profitieren.

So weit, so gut. Die Welt der Milcherzeuger ist in Butter, könnte man meinen. Gäbe es da nicht einige Unsicherheitsfaktoren:

Die Kosten: Die Milcherzeuger wie auch alle anderen Landwirte sind mit überbordenden Kosten konfrontiert bei Energie, Diesel und Düngemitteln. Hinzu kommen für die Tierhalter höhere Futtermittelpreise. Sorgen bereiten den Betrieben aber nicht nur die enorm hohen Kosten, sondern auch Spekulationen über die künftige Verfügbarkeit von Produkten wie Dünger oder gentechnikfreien Futtermitteln.

Das Futter: Die Trockenheit in diesem Sommer führt verstärkt dazu, dass sich die Milcherzeuger Sorgen machen wegen der Futtervorräte. In vielen Betrieben dürften sie in diesem Jahr knapp werden.

Das Gas: Die Milchbranche braucht Gas und das ist im Moment knapp. Die Verarbeitung von Milch ist energieintensiv. Die Molkereien brauchen viel Wärme für die Produktion – allein schon für das Pasteurisieren der Milch. Schätzungsweise 80 % der Energie decken Molkereien über Erdgas. Alternativen wie Blockheizkraftwerke, Biogas oder fossile Brennstoffe werden zwar von den Unternehmen geprüft, ein Umstieg auf andere Energieträger ist aber oft nicht möglich. Einen großen Lichtblick für die Molkereibranche gibt es derzeit: Gemäß dem Kommissionsvorschlag für den EU-Gas-Plan sind Produzenten von Lebensmitteln – und dazu gehören auch die Molkereien und die Schlachtunternehmen – von Gaseinsparverpflichtungen ausgenommen.

Der Verbraucher: Milch und Milchprodukte sind im Laden derzeit teuer – so teuer wie nie. Die höheren Preise könnten sich dabei auf den Absatz auswirken. Denn der Verbraucher wird wohl kaum gewillt sein, künftig noch tiefer für Milch und Milchprodukte in die Tasche zu greifen. Er wird sich dann eher in Kaufzurückhaltung üben oder auf bestimmte Lebensmittel vielleicht ganz verzichten. Das preisbewusste Kaufverhalten der Verbraucher wird nicht ohne Auswirkung auf die Milchbranche bleiben. Jedenfalls sind alle Akteure der Lebensmittelkette zurückhaltend, jetzt ein Tierwohl-Programm zu starten.

Bei steigenden Milchpreisen zieht die Produktion an – normalerweise jedenfalls. Aber da­­rauf deutet im Moment eher nichts hin. Die Betriebe sind nach wie vor mit Umweltauflagen konfrontiert und mit höheren Kosten, da unter anderem ab dem nächsten Jahr ein Kälbertransportverbot für Tiere unter 28 Tagen gilt. Und zum Bauen sind die Milcherzeuger derzeit wenig bereit. Vielmehr gibt es einen Investitionsstau wegen fehlender Planbarkeit und Verlässlichkeit der Politik. In jedem Fall sollte der anhaltende Strukturwandel in der Milcherzeugung die Politik nachdenklich stimmen. Ein Abwandern der Produktion ist wenig sinnvoll. Denn was geschieht dann mit den Grünlandregionen? Nur das Rind kann Gras für uns verwerten. Wie sagte ein rheinischer Milcherzeuger kürzlich so treffend? „Wir müssten die Kuh dringend erfinden, wenn wir sie nicht schon hätten.“