Unterwegs in der Praxis

Foto: Detlef Steinert

NRWs Agrarministerin Ursula Heinen-Esser war vergangene Woche quer durch das Bundesland auf Tour. Ihr ideelles Ziel: sich zu informieren über positive Beispiele einer zukunftsfähigen Nutztierhaltung. Die realen Ziele: neben der Lehr- und Forschungsstation Frankenforst der Uni Bonn in Königswinter Praxisbetriebe mit Schweine- oder Milchviehhaltung. Wir haben die Führungsspitze des NRW-Agrarministeriums auf einem Teil ihrer Sommertour begleitet und bei den Praktikern nachgefragt, welche Erwartungen sie an die Politik haben.

Können, wollen, dürfen

Neben Beispielen, wie Landwirte mit findigen Ideen mehr für Umwelt und Tier tun, gewährte die Tour vor allem auch einen Einblick in die Sorgen der Bauern, gerade wenn sie mehr als gesetzlich gefordert leisten. Kevin Anhamm, Milchviehhalter in Kamp-Lintfort, brachte es auf den Punkt. „Wir könnten mehr tun, wir wollen mehr tun, aber wir dürfen es nicht“, fasst er seine Erfahrungen zusammen. So müsste er mehr Lagerraum für Gülle schaffen. Einschränkungen durch ein Wasserschutzgebiet sowie das Bundesimmissionsschutzgesetz (BImSchG) lassen dies auf der Hofstelle aber nicht zu. Eine Lösung wäre eine Behälterabdeckung. Aber auch das ist nach jetzigem Stand nicht möglich. Einziger Ausweg: eine Bestandsabstockung. Die würde jedoch sein Bestreben, Tierwohl auch wirtschaftlich umsetzen zu können, konterkarieren. So sei der Wachstumsschritt von früher 80 auf heute 215 Kühe auch deshalb so groß ausgefallen, um eine weitere Arbeitskraft finanzieren zu können. Die sei nicht nur dafür da, dass die Familie auch mal in Urlaub fahren kann. Die ist auch dafür wichtig, dass Anhamm mehr Zeit für Tierbeoachtung und die Weiterentwicklung der Haltung in Richtung Tierwohl hat – was man Stall und Herde sichtlich anmerkt.

Kritische Worte fand Anhamm auch zu den Plänen, die Düngeverordnung zu verschärfen. Das vorgesehene Verbot, Leguminosen mit Gülle anzudüngen, könnte auf seinem Betrieb die Biodiversität einschränken. Ein wichtiger Bestandteil seiner Grundfutterration ist Luzerne. Die schätzt er vor allem, weil sie eine hohe Nutzungsvariabilität hat. Luzerne werde außerdem auch von den Insekten als Weide gerne angeflogen. Ohne Andüngung müsste er allerdings die Kultur aus der Fruchtfolge nehmen. So sieht Anhamm auch hier Zielkonflikte zwischen Wünschen von Gesellschaft und Politik und dem, was sich in der Realtität umsetzen lässt. Solche nicht leicht zu überbrückenden Gegensätze zwischen Tierwohl auf der einen und Anforderungen hinsichtlich Emissionsschutz auf der anderen Seite waren auch einige Tage zuvor auf dem Pötterhof in Brüggen im Kreis Viersen Thema. Dort vertrat Staatssekretär Dr. Heinrich Bottermann die Ministerin, die aus persönlichen Gründen verhindert war.

Ziel: 0-Emissionsstall

In Brüggen mästet Willi Steffens 2  500 Schweine. Der Großteil steht in eingestreuten Offenställen mit Tiefstreu. Zusätzlich zu den eigenen vermarktet er auch Tiere anderer Landwirte unter dem Namen des Hofs an Metzgereien und den Lebensmittelhandel. Über Absatzprobleme kann Steffens nicht klagen. Im Gegenteil, eigenen Angaben zufolge könnte er noch mehr verkaufen. Die Tiere lässt er in zwei nahe gelegenen Schlachthöfen schlachten und liefert sie anschließend meist selbst als Hälften aus. Sein Erfolgsrezept: dass er nachfragt, was die Kunden wollen, und er ihnen eine Geschichte erzählen kann, wie sie viele Verbraucher gerne hören: Schweine, die in großen Gruppen und in tief eingestreuten Ställen wühlen dürfen. In dieser Nische erzielt er auch ohne Öko-Label rund 20 % mehr.

Kein Wunder, dass Steffens gerne mehr vermarkten möchte. Deshalb plant er einen neuen Stall für weitere 749 Tiere. Der soll und muss in einiger Entfernung vom Hof entstehen, denn dort bremst auch ihn das BImSchG aus. Mit dem Neubau will der passionierte Schweinehalter seinen Tieren mehr Komfort bieten, die Arbeit leichter machen und Gutes für das Klima tun. Einige Ansätze dazu, etwa in der Fütterung, probiert er bereits aus. So setzt er Futter ein, das über eine längere Darmverweildauer die Nährstoffe besser ausnutzen soll. Natürlich soll auch wieder Stroh eine zentrale Rolle spielen, als Beschäftigungsmaterial und zur Reduzierung von Nähstoffausträgen in Luft und Boden. Die Arbeit beim Einstreuen und der Tierbeobachtung soll ein zentraler Laufgang über den mittig im Stall angeordneten Liegebuchten erleichtern. Entmistet werden soll mechanisch über zwei wandseitig angeordnete, planbefestigte Achsen. Dafür können die Schweine in den Strohbuchten zeitweise eingesperrt werden. Wie der Grundriss ist auch die geplante Stallhülle ein Clou. Die will Steffens wie ein Gewächshaus gestalten, mit Jalousien an der Seite und klappbaren Dachflächen, sodass er den Schweinen im Stall ein Klima wie im Freiland bieten kann.

An die Politik hat Steffens nur ein Anliegen, aber ein drängendes: Sie muss dafür sorgen, dass Genehmigungen für Stallbauten zügiger über die Bühne gehen. Ansonsten darf sie sich gerne raushalten. Was er noch will, ist, dass seine eta­blierte Marke Pötterhof Fortbestand hat. Da er selbst keinen Hofnachfolger hat, ist er deshalb mittlerweile eine ­Kooperation mit einem seiner Ferkellieferanten eingegangen. ds