Wer beeinflusst, wen wir wählen?

Kathrin Fries

Erstmals dürfen schon 16-Jährige bei der Europawahl im Juni wählen. Das bedeutet eine Chance, die Zukunft selbst mitzugestalten, aber auch eine große Verantwortung in Sachen Meinungsbildung. Gut, dass es jenseits von TikTok und anderen sozialen Medien auch Anlaufstellen im echten Leben gibt, die parteipolitisch ungebunden sind und für demokratische Werte eintreten.

 

Landjugend verbinden viele mit tollen Ausflügen, geselligen Abenden, Spaß am Lagerfeuer oder bei Gemeinschaftsaktionen. Und das ist durchaus richtig – aus der Pandemie mit ihren Einschränkungen sind im Rheinland die meisten Ortsgruppen gestärkt hervorgegangen. Es war für die Verantwortlichen sicher nicht immer leicht und hat einiges an Engagement gefordert. Aber Landjugend hat einen Wert, der für die neu hinzukommende Generation unbezahlbar ist: Sie bedeutet echtes Leben und Gemeinschaft über alle Unterschiedlichkeit hinweg. Es dürfen sogar Städter mitmachen!

 

Das Familienministerium hat festgestellt, dass bereits vor den Schulschließungen und Ausgangssperren Einsamkeit für die Altersgruppe der 17- bis 30-Jährigen ein Problem war. Durch die Pandemie ist das nicht besser geworden. Ende 2023 hat die NRW-Landesregierung eine Studie vorgestellt, in der es heißt, dass jeder fünfte Jugendliche in Nordrhein-Westfalen stark einsam ist. Untersuchungen in den vergangenen Jahren legten nahe, dass auch Smartphone- und Social-

 

Media-Konsum Vereinsamung fördern. Klingt logisch: Man fühlt sich mit den Lieblings-Content-Creators verbunden, die Kommunikation ist aber eine Einbahnstraße. Und ein Gegenüber im echten Leben, reelle Begegnungen sind durch Bildschirme nicht zu ersetzen.

 

Nun könnte man denken, dass Einsamkeit für den Einzelnen dramatisch, aber für den Rest der Gesellschaft irrelevant ist. Falsch gedacht! Einsamkeit hat nicht nur Auswirkungen auf die Gesundheit – und damit auf unser Gesundheitssystem und für alle, die monetäre Argumente brauchen, auch auf die Gesundheitskosten, die wir als Versicherte gemeinsam tragen. Einsamkeit birgt politischen Sprengstoff: Die Studie „Extrem einsam?“, auf die das Bundesfamilienministerium hinweist, zeigt auf, dass Einsamkeit unter Jugendlichen in Zusammenhang mit Zustimmung zu Verschwörungstheorien, autoritären Haltungen und der Billigung politischer Gewalt steht. Dass das nicht nur leere Worte sind, zeigte der kürzlich erfolgte Angriff auf den SPD-Politiker Matthias Ecke, bei dem das Landeskriminalamt drei Jugendliche im Alter von 17 Jahren und einen 18-Jährigen als mutmaßliche Täter identifiziert hat.

 

Das sollten wir als Gesellschaft also nicht einfach hinnehmen. Und zum Glück setzen dem auch die Landjugendgruppen etwas entgegen. Denn hier wird nicht nur etwas gegen die Einsamkeit als Ursprung getan, sondern auch vorgelebt, wie Demokratie funktioniert und wie man für seine Interessen einstehen kann. Denn man sollte den Einfluss nicht unterschätzen, den die rund 100 000 jungen Menschen aus ganz Deutschland, die unter dem Dach des Bundes der Deutschen Landjugend (BDL) vereinigt sind, haben. Sie können auf Landes- und Bundesebene Themen platzieren, wie es Einzelpersonen kaum möglich ist, und damit nicht nur für die Sache kämpfen, sondern auch den nächsten Generationen das Wie zeigen. Dass die Stimme der Landjugend auch in höchsten politischen Kreisen gehört wird, hat uns Sebastian Dückers, der bisherige stellvertretende BDL-Vorsitzende und Vorsitzende des Arbeitskreises „Jugend macht Politik“, im Interview bestätigt.

 

Wenn aktuell die Parteien versuchen, ihre Wahlprogramme auch an die Jugendlichen zu vermitteln, sind die Gleichgesinnten in der Landjugend außerdem ein Gegenüber, mit dem man darüber vermutlich besser diskutieren kann als mit Eltern oder Lehrern. Manche Partei hat das Potenzial erkannt, das in den jungen Erstwählern steckt. Statt sich bei Bil-dungsträgern und Stiftungen oder dem berühmten Wahl-O-Mat zu informieren, wen man wählen und welche Auswirkungen das Kreuzchen auf dem Stimmzettel auf das eigene Leben haben könnte, ist für viele dieser Generation TikTok eine wichtige Informationsquelle. Und hier werden reißerische Botschaften vom Algorithmus belohnt. Wohin das führen kann, ist ziemlich offensichtlich und in anderen Wahlkämpfen der vergangenen Jahre auch schon demonstriert worden, Stichwort Fake News.

 

Wie gut tut es da zu wissen, dass es mit der Landjugend eine Gruppe gibt, die sich für Chancengleichheit, Weltoffenheit und Demokratie einsetzt. In diesem Sinne geht ein herzlicher Dank an alle Ehrenamtler, die sich hier einbringen! Auch wenn ihr es nicht immer direkt seht, tut ihr unserem Land gut. Weiter so!