Wer bestimmt, wie die Welt sich ernährt?

LZ-Chefredakteur Detlef Steinert

Russland hat das Schwarzmeerabkommen auslaufen lassen. Ukrainisches Getreide kann so nur noch auf dem Landweg ausgeführt werden. Das wird weltweit Folgen für die Versorgung der Menschen mit Lebensmitteln haben. Aber nicht nur Russland macht mit der Ernährungssituation Politik.

Was die Vereinten Nationen (UN) im jüngsten Welternährungsbericht feststellen, muss eigentlich jeden mitfühlenden Menschen wachrütteln: Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Hungerleidenden weltweit um geschätzt 122 Mio. auf fast eine Dreiviertelmilliarde gestiegen. Das Jahr 2002 war mit 835 Mio. seit der Jahrtausendwende dasjenige mit den meisten Menschen, die nicht ausreichend mit Nahrung versorgt waren. Danach ging deren Zahl Jahr für Jahr spürbar zurück, um ab 2011 deutlich unter der 600-Mio.-Marke zu bleiben. Bis 2019. Seither hungern wieder mehr Menschen, aufgrund von Corona und seit vergangenem Jahr auch wegen des Ukraine-Kriegs. So weit die nüchterne Statistik, der man allerdings noch eine weitere gegenüberstellen muss: die der Gesamtbevölkerungszahl. Lebten 2002 um die 6,25 Mrd. Menschen auf dieser Erde, sind es mittlerweile über 8 Mrd. Daraus lässt sich die Feststellung ableiten, dass es möglich ist, bei zunehmender Weltbevölkerung immer mehr Menschen mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Ein Grund dafür ist, dass es mit besseren Methoden und mehr Wissen den Bäuerinnen und Bauern weltweit gelingt, auf immer weniger Nutzfläche immer mehr Lebensmittel zu produzieren. Allerdings muss eine weitere Feststellung auf den Fuß folgen: Mehr denn je hängt die Versorgungslage nicht nur vom Wetter, vom Können der Bäuerinnen und Bauern oder von der Verfügbarkeit von Technik und Hilfsmitteln ab; sie hängt auch vom politischen Wohlwollen ab. Und das gilt nicht nur für afrikanische Staaten, in denen rivalisierende Gruppen verhindern, dass Nahrungsmittelhilfen die Bevölkerung erreichen oder sich die Menschen durch Ackerbau und Viehzucht selbst versorgen können. Mit der Nahrungsmittelversorgung generell und dem Hunger Politik zu machen, hat unübersehbar globale Dimensionen.

Mit der Aufkündigung des Schwarzmeerabkommens, das es der Ukraine ermöglichte, über den Seeweg Getreide auszuführen, dürfte endgültig klar sein, dass der russische Präsident Wladimir Putin Hunger als Waffe einsetzt. Seit Beginn der russischen Angriffe auf das Land konnte die Ukraine noch 35 Mio. t Getreide exportieren. Die Kapazität der zwischenzeitlich eingerichteten Landwege über Rumänien und Polen dürfte nun aber nicht ausreichen, um diese Menge künftig zu bewältigen und in die Länder Afrikas zu bringen, die dringend darauf angewiesen sind. Moskau begründet die Aufkündigung des Abkommens damit, seine Forderungen seien nicht erfüllt worden. Das stimmt, wenn überhaupt, nur zu Teilen, denn die Getreideexporte Russlands haben längst wieder Vorkriegsniveau erreicht. Weniger Getreide aus der Ukraine stärkt Russlands Exportmacht. Die könnte aber schnell wieder schwinden, wenn die eigene Erzeugung ins Hintertreffen gerät, weil dafür Technik und Ersatzteile fehlen. Dass hier Sanktionen gelockert werden, da­­rauf zielt das russische Kalkül nämlich auch ab.

Aber nicht nur Russland nutzt den Hunger der Menschen, um Interessen durchzusetzen. Seit einem Jahrzehnt baut China unter dem Namen „One Belt, One Road“ („neue Seidenstraße“) seinen Einfluss auf andere Staaten mithilfe von Investitions- und Infrastrukturhilfen aus. Dabei geht die chinesische Staatsführung, oft unbemerkt von der Öffentlichkeit, auch subtile Wege. So hat gerade ein Recherchenetzwerk aufgedeckt, dass der Chef der FAO, der für Fragen der Ernährung und der Landwirtschaft zuständigen Organisation innerhalb der Vereinten Nationen, seit seinem Amtsantritt 2019 viele Schlüsselpositionen mit Kräften besetzt hat, die Pekings Regierung nahestehen. Qu Dongyu, der kürzlich für eine weitere Amtszeit zum FAO-Generaldirektor gewählt wurde, war selbst zuvor stellvertretender Landwirtschaftsminister in China und hat mitgeholfen, viele Großinvestitionen in Straßen, Schienen, Bahnhöfe und Häfen im Rahmen der neuen Seidenstraße umzusetzen. Obwohl politisch zur Neutralität verpflichtet, sollen auch einige aktuelle FAO-Projekte den Recherchen zufolge diesem chinesischen Großprojekt dienen. So viel Engagement Qu Dongyu hierfür an den Tag legt, so bedeckt gibt er sich, wenn es um die Rolle Russlands dabei geht, den Hunger in der Welt zu verschärfen. Weder gibt es von der FAO bislang essenzielle Kritik am Angriff Russlands noch eine Verurteilung der Blockade ukrainischer Weizenausfuhren. Wenn der nächste Welternährungsbericht veröffentlicht wird, dann werden daran nicht nur Mitarbeiter der FAO mitgeschrieben haben, sondern es dürften manche auch mitverantwortlich für das gemacht werden, was drinsteht: dass die Zahl der Hungernden erneut angestiegen ist.