Wiederentdeckte Wanderschaft

Foto: Petra Jacob

Ernestine Lüdeke lebt auf einer 700 ha großen Dehesa in Andalusien und hat eine große Leidenschaft für spanische Schafe und die uralte Tradition der Trashumancia

Trashumancia steht für eine Art Wanderschäferei, die über mehrere Wochen und Hunderte Kilometer geht und jahrhundertelang in Spanien betrieben wurde – bis diese Praxis unpopulär wurde. Die Trashumancia wiederzubeleben ist die große Leidenschaft von Ernestine Lüdeke. „Das ist mein größtes Baby“, lacht die gebürtige Hessin. Das zweite Baby, wie sie sagt, ist die Dehesa „San Francisco“ in Andalusien, wo sie auf einer Finca mit 400 Merino-Schafen, 30 Mutterkühen der spanischen Rassen Retinta und Berrenda, 320 Ibérico-Schweinen, zehn Eseln und drei Pferden lebt. Die Dehesa ist ein ausgeklügeltes nachhaltiges Bewirtschaftungssystem, das im Südwesten Spaniens in der Extremadura und Andalusien zu finden ist. Es handelt sich um extensive Tierhaltung in einem lichten Kork- und Steineichenwald, mit dabei auch Obst- und Olivenbäume und Korkproduktion. Trashumancia und Dehesa gehören hier traditionell zusammen.

„Bereits im Mittelalter verbrachten die Schafe aus Andalusien und Extremadura den Sommer über auf den Bergweiden im Norden Spaniens“, erklärt Ernestine Lüdeke. Die Tiere wurden von Viehhirten im Frühjahr über mehrere Wochen gen Norden getrieben und kamen erst wieder vor dem Winter zurück. Insgesamt 125 000 km sogenannter Cañadas – Viehdriften – durchkreuzen die Iberische Halbinsel seit dem Mittelalter. 600 Jahre lang spielten die Schafzucht und der Export von Wolle die dominierende wirtschaftliche Rolle. „Es war einmal das weiße Gold Spaniens, die Schäfer waren die Hüter des Wohlstands. Zu Spitzenzeiten waren 5 Mio. Schafe unterwegs“, berichtet die Auswanderin.

Während der Abwesenheit der Schafe kann sich die Dehesa in den trockenen und heißen Monaten des Südens erholen. Die Böden regenerieren sich, verdichten sich nicht durch Huftritte und nehmen später die ersten herbstlichen Regenfälle besser auf. Außerdem brauchen die Schafe – aufgrund des fehlenden Grases – nicht zugefüttert zu werden, gleichzeitig halten sie während ihrer Zeit in den Bergen Nordspaniens die dortigen Flächen von Verbuschung frei – ein wichtiger Beitrag gegen die Waldbrandgefahr. Zudem hinterlassen die Tiere ihren Kot als Dünger auf den Flächen.

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