Wo Bio der Schuh drückt

LZ-Chefredakteur Detlef Steinert

Jahrelang kannte der Markt für Biolebensmittel nur eine Richtung: mehr Fläche, mehr Betriebe, mehr Umsatz. Corona bescherte einen Höhenflug, als vermehrt zu Hause gekocht wurde. Der Anstieg der Lebenshaltungskosten infolge des Kriegs gegen die Ukraine beschert der Branche zwar keinen Kater, er bleibt aber auch nicht ohne Folgen und offenbart so zwei Achillesfersen.

 

Die landwirtschaftliche Fläche, die weltweit ökologisch bewirtschaftet wird, belief sich 2022 auf über 96 Mio. ha. Das war gegenüber dem Vorjahr ein Zuwachs um mehr als ein Viertel. Das geht aus Zahlen hervor, die das Forschungsinstitut für biologischen Landbau, kurz FiBL, zur Messe Biofach vergangene Woche in Nürnberg präsentiert hat. Gleichzeitig wuchs die Ökofläche in der EU um 5,1 % auf 16,9 Mio. ha an. Spitzenreiter ist dabei Frankreich mit 2,9 Mio. ha. Nach Spanien und Italien findet sich Deutschland erst auf Platz 4 mit 1,87 Mio. ha. Demnach wurde 2022 sowohl in Deutschland als auch im Durchschnitt der EU jedes zehnte Hektar ökologisch bewirtschaftet. 2023 war ein weiterer Anstieg der Fläche in Deutschland auf 1,94 Mio. ha zu verzeichnen. Der stetige Zuwachs, der über die vergangenen Jahre und Jahrzehnte bei der Anzahl der Betriebe zu verzeichnen war, hat 2023 allerdings eine Delle bekommen. Erstmals stiegen mehr Biobetriebe aus der Erzeugung aus als neue dazugekommen sind. Gegenüber 2022, als in Deutschland noch 37 090 ökologisch wirtschaftende Betriebe registriert waren, weist die Statistik nun 455 Betriebe weniger aus. Ob es sich dabei um Betriebe handelt, die dem Ökolandbau den Rücken kehren und konventionell weiterwirtschaften, oder solche, die komplett aufhören, das verraten die Zahlen nicht. Mit etwas mehr als 1 % ist der Rückgang auch nicht als dramatisch zu werten, fällt er doch noch deutlich geringer aus als die durchschnittliche Aufgaberate in der Landwirtschaft. Dennoch lässt die Entwicklung aufhorchen. Denn bis dahin gab es nur eine Richtung, die nach oben: mit einem Zuwachs von jährlich im Mittel 1 400 Ökobetrieben von 2012 bis 2022.

 

Mit ein Grund für den Knick im Trend dürfte die Inflation sein, auch wenn Branchenvertreter versuchen, Biolebensmitteln eine bremsende Wirkung da­­rauf zu bescheinigen. Tatsächlich betrug bei einer Gesamtinflationsrate von 9 % für Nahrungsgüter in 2023 der Preisanstieg im Biosektor nur 5,2 %. Das verleitete schon das Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln im Herbst zur Erzählung vom „Inflationsdämpfer Biolebensmittel“. Allerdings muss man dabei berücksichtigen, dass der Preisanstieg nach Beginn des Kriegs gegen die Ukraine im Jahr 2022 schon zu einem spürbaren Umsatzeinbruch geführt hatte, der eindeutig auf Kaufzurückhaltung bei den Konsumenten zurückzuführen war. Weitergehende Preissteigerungen, darin sind sich Marktbeobachter einig, hätten bei den sowieso schon höherpreisig angesiedelten Biolebensmitteln womöglich die Kaufzurückhaltung noch verstärkt und so durchaus einen stärkeren Umsatzeinbruch nach sich gezogen. Mit entsprechenden Folgen für die Erzeugerpreise.

 

Die Inflation bekommt jeder einzelne Biobetrieb selbst zu spüren, weil zwar die Erzeugerpreise gestiegen sind, aber nicht in gleicher Weise wie die Preise für Betriebsmittel. Deutlich wird das beispielsweise an der Milch, dem nach wie vor am häufigsten nachgefragten Biolebensmittel. Im zurückliegenden Herbst näherten sich die Erzeugerpreise für konventionelle und Ökomilch sehr stark an; zeitweise lagen nur wenige Cent dazwischen. Gleichzeitig waren Mischfuttermittel in Ökoqualität um bis zu 150 € je t teurer als noch Monate zuvor. Unterm Strich bedeutete das, dass Biomilcherzeuger ihre Vollkosten nicht decken konnten. Aktuell würden ökologisch wirtschaftende Milchbauern laut der Anbauverbände Bioland und Naturland 69,6 ct je kg Rohmilch benötigen; der durchschnittliche Preis lag im Dezember gerade einmal bei 57,7 ct/kg und hat sich seither nicht wesentlich verändert. Verantwortlich für die Deckungslücke sind den beiden Verbänden zufolge höhere Aufwendungen für Löhne, Betriebsmittel, Reparaturen und Investitionen für Gebäude und Maschinen. Das wiederum kennen auch andere Ökobetriebe.

 

Ein Blick in die Auswertung der Unternehmensergebnisse laut Buchführungsdaten offenbart neben dem Fakt, dass sich Preise in Inflationszeiten nicht beliebig in die Höhe treiben lassen, eine zweite Achillesferse. Mit leicht über 100 000 € lag das Unternehmensergebnis im Mittel der Ökobetriebe im Haupterwerb im Wirtschaftsjahr 2022/23 nur um etwa 5 % höher als im Jahr zuvor. Davon stammten allerdings 29 100 € aus Zahlungen für Agrarumweltmaßnahmen einschließlich Ökolandbauprämien.